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: Erkennen Sie den Ohrwurm?

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Läßt sich die avantgardistische Musik weitertreiben und wohin? Das fragt Claus-Steffen Mahnkopf in seinem hochambitionierten Buch, das auch wegen seiner Querverbindungen in andere Künste und Theorien besticht. Drei unterschiedliche Zeitschriften widmen sich der Reflexion über Musik: "Musik-Konzepte", ...

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          Läßt sich die avantgardistische Musik weitertreiben und wohin? Das fragt Claus-Steffen Mahnkopf in seinem hochambitionierten Buch, das auch wegen seiner Querverbindungen in andere Künste und Theorien besticht. Drei unterschiedliche Zeitschriften widmen sich der Reflexion über Musik: "Musik-Konzepte", "Musik-Texte" und seit 1997 "Musik und Ästhetik". Komponisten-Monographien, Porträts, Informationen und Analysen zur Avantgarde und musikalisch-philosophischer Diskurs ließen sich als Ziele nennen. Sowohl einer der beiden früheren "Konzepte"-Herausgeber als auch einer der drei Musik-Ästhetiker fühlen sich Adorno verpflichtet, allerdings in extrem heterogener Weise. Wird Heinz-Klaus Metzgers von Orthodoxie nicht freie Nachfolge durch den identifikatorischen Rekurs auf John Cage gebrochen, so denkt Claus-Steffen Mahnkopf Adornos Kunsterörterungen im Sinne radikalisierter Avantgarde-Komposition weiter. Hat Metzger Züge eines Schriftgelehrten, so ist Mahnkopf Komponist - aber einer von der spekulativen Art in der Tradition etwa Busonis.

          Seine Überlegungen hat Mahnkopf in einem Buch gebündelt, dessen Titel auf Adorno verweist: "Kritische Theorie der Musik". Ansatz wie Anspruch zielen hoch: die Fortführung, wenn nicht die Einlösung von Adornos "Kritischer" wie "Ästhetischer Theorie". Im Unterschied zu Adornos Arbeiten steht Mahnkopfs Werk im Dienst der eigenen Sache, läßt "objektive" und "subjektive" Aspekte seiner ästhetischen Strategien ineinander verwoben erscheinen. Wobei dem Buchtitel der des Schlußkapitels entspricht: "Vers une culture musicale future", Adornos "Vers une musique informelle" paraphrasierend. Dies signalisiert, daß es Mahnkopf nicht nur um den kompositorischen Diskurs geht, sondern ums Ganze.

          Mahnkopf avisiert eine Geschichtsphilosophie aus dem Geist einer radikalkritischen Avantgarde. Insofern klingt "Kritische Theorie der Musik" fast harmloser als intendiert. In seinen berechtigten Idiosynkrasien folgt er getreulich Adorno, verbindet ästhetischen Diskurs mit gesellschafts-, kultur- und systemkritischen Erörterungen, ja Attacken, wobei ihm sowohl "Vers une musique informelle", Adornos wohl avancierteste Essay-Position, als auch dessen "Minima Moralia" Vorbilder sind. So hat Mahnkopf auch etwas vom Rufer in der Wüste, einer Rolle, zu der scharfe bis ätzende Analyse der Gegenwart und utopische Projektion gehören. Wobei er nicht selten zu Kulturpessimismus neigt, von Verfall und Niedergang die Rede ist.

          Er sieht den Triumph einer Zweiten Postmoderne, der er, wie auch Peter Ruzicka, die Vision einer Zweiten Moderne entgegensetzt, die die Radikalität der "Ersten" weiterzuführen habe. Im, so Mahnkopf, Gehäuse der Neuen Musik haben sie alle ihre Machtpositionen: Cage im unerträglichen Kult, selbst Nonos mystizistische Aureole, Stockhausens messianischer Allmachtswahn, Boulez' Herrschaftstechnokratie, Kagels Profitabilität. Anknüpfend an Adornos Rede "Vom Altern der Neuen Musik" (1954), entdeckt Mahnkopf überall Momente ästhetischer Absicherung und Versteinerung der Apparatur. Präzise diagnostiziert er die neuralgischen Punkte einer auch künstlerisch "verwalteten" Welt. Hartnäckig setzt er solch institutionalisierter Misere ein messianisches Licht entgegen: Die Tradition jüdischer Weltinterpretation von Moses Maimonides bis zu den heutigen französischen Philosophen liefert ihm Motive für die Unabgeschlossenheit der gesellschaftlichen wie ästhetischen Prozesse. Das Abbrechen jüdischer Kreativität nach 1933 hält er für die Hauptursache der kulturellen Krise der Gegenwart, zumal hierzulande.

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