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Erinnerungen Edward Dębickis : Als Jäger und Sammler von Wölfen verfolgt

Der polnische Wald als Zuflucht: Hier fanden die verfolgten Roma zeitweise ein Versteck. Bild: Patrick Pleul/ZB/dpa

Auf der Flucht durch die polnischen Wälder: In „Totenvogel“ schildert Edward Dębicki in schlichten, klaren Worten seine Erinnerungen an das Schicksal der polnischen Roma im Zweiten Weltkrieg.

          „Wir mussten umziehen in einen anderen Wald“, heißt es an einer Stelle mitten in diesem Buch. Da hat sich der Leser längst daran gewöhnt: Nur der Wald bietet Zuflucht, denn der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Nicht jeder jedem gleichermaßen, aber wenn man Fremden begegnet, gilt zunächst als Vorsichtsregel, das Schlimmste zu befürchten. Also besser versteckt halten. Da die Wolfsmenschen – in diesem Buch sind sie meistens aus Deutschland – sich in Städten und Siedlungen konzentrieren, bleibt den anderen nur die freie Natur.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Edward Dębicki, Musiker, Autor und Kulturaktivist der polnischen Roma, wurde 1935 im damals polnischen Ostgalizien geboren, der heutigen Westukraine. Er hat in diesem Buch seine Erinnerungen aufgeschrieben; der größte Teil behandelt die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Nach und nach erfährt der Leser, wie die Fronten verliefen zwischen den Menschen, wer wem am gefährlichsten war. Ganz unten in der sozialen Hierarchie standen die Roma.

          Gelegentlich verwenden Randgruppen stolz den Namen, unter dem sie stigmatisiert wurden – ein Akt semantischen Widerstands. So spricht Dębicki in der polnischen Ausgabe durchweg von „Cyganie“, und die Übersetzerin ist seinem Wunsch gefolgt, die deutsche Entsprechung zu verwenden. Die „Zigeuner“ also waren vom NS-Regime – wie die Juden – zur physischen Vernichtung bestimmt. Immerhin widmete sich Dębickis Sippe überwiegend dem Musizieren, was ihr schon in Friedenszeiten Ansehen verschaffte und auch in Kriegszeiten ein Auskommen oder zumindest eine Gnadenfrist.

          Flucht durch die Wälder

          Den Roma in den Regionen Galizien und Wolhynien standen während des Krieges die Partisanen der polnischen Heimatarmee am nächsten. Unerwartete Begegnungen mit ihnen endeten oft in Verbrüderung. Etwa seit 1944 zog Dębickis Familie auch mit versprengten russischen (sowjetischen) Soldaten durch die Wälder. Gelegentlich taucht ein fliehender Jude auf; eine entkräftete Jüdin steckt die Familie „in Zigeunertracht“ und gibt ihr Obdach. Auf der anderen Seite stehen die deutschen Besatzer und die ukrainischen Nationalisten, deren Furor sich vor allem gegen die Polen richtete, aber auch gegen Juden und Roma.

          Edward Debicki: „Totenvogel“.

          All das wird in stets nur wenige Seiten langen Episoden beschrieben, in schlichten Aussagesätzen aus dem Mund des Erzählers, in kurzen Dialogen, in „Zeitzeugenberichten“ der Menschen, denen die Dębickis begegnen.

          Familienmitglieder gehen verloren und werden im weiteren Verlauf des Krieges wiedergefunden, Krankheiten plagen die Flüchtlinge im Wald, deutsche Flugzeuge machen aus der Luft Jagd auf Partisanen, immer wieder erflehen Menschen einen schnellen Tod, um mit ihren Liebsten vereint zu sein. Erstaunlich oft öffnet jemand die Tür für Flüchtende. Aber noch öfter heißt es: gefundene Kartoffeln verzehren, Brennnesselsuppe kochen, einen gefangenen Vogel rupfen. Der Mensch als Jäger und Sammler, von Wölfen verfolgt.

          Kein Roman

          Manchmal hält man bei der Lektüre inne: Kann sich das so zugetragen haben? Die Episode mit dem Rehkitz, dem die Mutter der Familie ein paar Tropfen ihrer Milch abpresst? Das Glück, irgendwo am Waldrand für Ringe, Dollar- oder Rubelscheine ein Bauernhäuschen erwerben zu können – nachdem gerade erst eine deutsche Einheit in diesem Dorf die Roma massakriert hat?

          „Lügen in Zeiten des Krieges“ heißt ein Roman von Louis Begley, der zwei Jahre vor Dębicki in derselben Region geboren wurde und darin seine Erlebnisse als jüdisches Kind im Schatten des Holocausts verarbeitet hat. Dębicki jedoch hat keinen Roman geschrieben, und nach allem, was wir über diese Region wissen, können wir sagen: So kann es eigentlich gewesen sein.

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          Das gilt erst recht für die vom Erzähler selbst offengelegten Überlebenslügen: Als sein Trupp ostwärts zog, gab die Familie sich als „ukrainische Zigeuner“ aus, als es gegen Kriegsende westwärts ging, kaufte sie sich Ausweispapiere, die auf den polnischen Namen „Dębicki“ lauteten. Papiere und Identitäten waren damals begehrte Handelsware.

          Eine Stimme für die polnischen Roma

          Dankenswerterweise wurde der Text ergänzt um einige Fotos: Porträts der Hauptpersonen, mit Pferdewagen, Harfe und Akkordeon im Hintergrund. Die polnische Ausgabe von Dębickis Erinnerungen erschien 2004. Zu dem Buch angeregt hatte ihn Jerzy Ficowski, ein bedeutender Dichter, der Polens Roma („exotisch, faszinierend und doch unbekannt“) im wahrsten Sinne des Wortes eine Stimme gegeben hat.

          Nach dem Krieg wanderte Ficowski zwei Jahre lang mit Roma durch Polen, entdeckte und übersetzte auch ihre Dichterin Bronisława Wajs, genannt Papusza, die in diesem Buch auftaucht; sie gehörte zur Familie des Autors. Heute leben laut Volkszählung noch etwa 17.000 Roma in Polen; Dębicki wohnt in Landsberg (Gorzów), wo er ein alljährlich stattfindendes Roma-Kulturfestival organisiert.

          Nicht weit davon, in Frankfurt (Oder), lebte bis 2018 die Übersetzerin Karin Wolff, der die Erinnerung an Roma und Juden in Polen ein besonderes Anliegen war. Leider hat sie das Erscheinen dieses Bandes nicht mehr miterlebt.

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