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Erinnerungen Helene Stöckers : Geistig sei die große Liebe und gut der Sex

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Ein feministisches Symbol in Helene Stöckers amerikanischem Exil: „Rosie the Riveter“ warb 1943 Frauen für die Rüstungsindustrie an. Bild: Picture-Alliance

Die Frauenrechtlerin und Pazifistin Helene Stöcker erwartete alles vom Leben und vieles von der Gesellschaft. Sie galt vielen als „feinere Art von Sensation“ – und verspottete die Frauenrechtlerinnen der ersten Stunde als verhärmte Nonnen.

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          Helene Stöcker wollte die Welt umkrempeln. Sie forderte die Öffnung aller Berufe für Frauen, sie engagierte sich für die Straffreiheit von Homosexualität, setzte sich für die Gleichberechtigung unehelicher Kinder und für ein Erziehungsgeld ein, sie wollte verantwortungsbewusste Väter - und sie verlangte ein Ende der Kriege. Helene Stöcker - geboren 1869 in Elberfeld, Sexualreformerin und Pazifistin - wollte alles: die große, geistige Liebe mit einem Mann, guten Sex und einen erfüllenden Job. Mit ihrem Idol Nietzsche insistierte sie auf der Umwertung aller Werte. Vieles aus ihrem anspruchsvollen Programm konnte sie tatsächlich umsetzen.

          Erstaunlich ist heute weniger, dass Helene Stöcker in Vergessenheit geraten ist, denn das widerfährt selbst prominenten Frauen nicht selten. Bemerkenswert erscheint vielmehr, dass sie in ihrer Zeit, dem Kaiserreich und der Weimarer Republik, keineswegs als skurrile Außenseiterin galt. Seit der Jahrhundertwende agierte die Intellektuelle bestens vernetzt, gründete und führte den einflussreichen „Bund für Mutterschutz und Sexualreform“, gab die Zeitschrift „Neue Generation“ heraus, hatte ihre Förderer im Reichstag und in Redaktionen und trat als geschätzte Rednerin im In- und Ausland auf. Die Großbürger luden die promovierte Kulturwissenschaftlerin in ihre Salons und feierten sie als „eine feinere Art von Sensation“, wie Stöcker amüsiert notierte. Zu ihrem sechzigsten Geburtstag im Jahr 1929 gratulierten ihr die Zeitungen im ganzen Land ebenso wie alles, was unter Linken und Liberalen Rang und Namen hatte: von Käthe Kollwitz über Magnus Hirschfeld bis hin zu Paul Löbe. Die renommierte „Vossische Zeitung“ verband ihre Glückwünsche mit der Forderung, ihr den Friedensnobelpreis zu verleihen.

          Dieses zeitgenössische Porträt zeigt die deutsche Frauenrechtlerin und Publizistin Helene Stöcker (1869-1943).

          Dass sie auch vielen Angriffen ausgesetzt war, schüchterte Helene Stöcker keineswegs ein. Die Jahre vor dem Weltkrieg zeigen eine überaus diverse, lebendige, diskursfreudige deutsche Gesellschaft. Helene Stöcker griff selber gerne an, und nicht selten schoss sie unter die Gürtellinie. Die Frauenrechtlerinnen der ersten Stunde verspottete die viele Jahre jüngere Stöcker als abgehärmte Kreaturen („wie geborene Nonnen“), die leider nichts von Erotik verstünden. Ihr aber stand die ganze Welt offen. Helene Stöcker und ihre Freundinnen lebten in den Jahren vor dem Weltkrieg „wie in einem ständigen geistigen Rausch“.

          Einsam wurde es um Helene Stöcker während des Ersten Weltkrieges. Die Kriegsbegeisterung und das Morden waren ihr unbegreiflich. Schon den Nationalismus hielt sie für albernes Geplärr - dieser Krieg aber blieb ihr ein traumatisches Rätsel. Wie konnten die „Kulturnationen“ plötzlich einander abschlachten? Stöcker versank in Depressionen. „Ich bin fassungslos vor Entsetzen.“ Doch dann erkannte sie den Pazifismus als ein weiteres Aktionsfeld. Bald war sie über die deutschen Grenzen hinaus bekannt. Nach dem Krieg inspirierte sie zahlreiche Friedensinitiativen, sie wurde viel gelesen, viel diskutiert und viel genannt.

          Vermutlich liegt die geringe Bekanntheit Helene Stöckers daran, dass die beachtliche Forschung zur Lebensreform oder zur Friedens- und Frauenbewegung oft isoliert bleibt gegenüber einer Historiographie des Kaiserreichs, die vor allem den militaristischen und demokratiefeindlichen Sonderweg Deutschlands im Blick hat. Helene Stöcker und ihre Weggenossen jedenfalls waren erstaunt und empört, als man während des Ersten Weltkriegs anfing, die Deutschen als eine Sorte von Menschen zu beschreiben, die besonders rückständig und demokratieunfähig sei. Die Alleinschuld der Deutschen am Krieg wollte ihr genauso wenig einleuchten. Sie hatte wie viele Pazifisten auf Wilsons Vision eines Friedens ohne Sieger gehofft.

          Nun sind die „Lebenserinnerungen“ von Helene Stöcker erschienen. Der Lehrer Reinhold Lütgemeier-Davin und die Archivarin Kerstin Wolff haben den Text sorgfältig ediert und mit einem Abriss von Leben und Werk der Aktivistin versehen. Da Stöcker ihre Autobiographie nicht zu Ende bringen konnte, ergänzten die Herausgeber den Text mit Briefen und Schriften. Dabei nennen sie durchaus Kritisches beim Namen: Helene Stöckers Intoleranz gegenüber anderen Frauenbewegten etwa, aber auch, wie sich Stöckers Forderung des Rechts auf Abtreibung in beklemmender Weise mit Eugenik und dem Wunsch nach „Höherzüchtung“ verband - es gab in Stöckers Augen wie in denen vieler Zeitgenossen lebensunwertes Leben. Helene Stöckers Ablehnung des Nationalsozialismus blieb gleichwohl kompromisslos. Von Anfang an sah sie mit Klarheit und Bestürzung die Judenverfolgung. Gleich 1933 floh sie aus Deutschland. Die Diskrepanz zwischen Stöckers gestelzten autobiographischen Aufzeichnungen, in denen sie sich mit viel bildungsbürgerlichem Zierrat ihr Denkmal für die Nachwelt setzen wollte, und den lebendigen, klugen, witzigen Briefen und Schriften ist bemerkenswert. Sie hat die Erinnerungen überwiegend im Exil verfasst, wo sie nach und nach ihre bürgerliche Existenz verlor, allen zur Last fiel, alt und schwach wurde.

          An einen Freund schrieb sie 1937: „Das ist eine furchtbare Erfahrung: die Machtlosigkeit der Menschlichkeit, die Ohnmacht des Geistes, die lächerliche Schwäche der Güte.“ 1943 starb sie unter erbärmlichen Umständen in New York. Sie konnte nicht ahnen, dass der Großteil ihrer Ideen zuletzt obsiegen würde.

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