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Erika Fatland in „Sowjetistan“ : Kamelmilch und Tadschiken-Disko

  • -Aktualisiert am

Turkmenistan gedenkt seines Führers: Statue Sapamurad Nijazows. Bild: Picture-Alliance

Russisch und Rucksack müssen genügen: Erika Fatland bereiste für ihr Buch „Sowjetistan“ die typischen Touristenziele der ehemaligen Sowjetrepubliken.

          3 Min.

          Die Weltgegend hieß bis in die Regierungszeit Lenins hinein einfach nur „Turkestan“ – ein Ausdruck von derselben Art wie „Wo der Pfeffer wächst“. Oder in diesem Fall: wo alle möglichen Türken wohnen und wir nicht so genau hinsehen wollen. Dabei ist dieser kontinentweite Korridor aus Steppen, Wüsten, fruchtbaren Tälern, Ebenen, Hochgebirgen und Oasen jahrhundertelang die wichtigste Handelsroute zwischen Europa und China gewesen. Er war Schauplatz der mongolischen Eroberungen und der ihnen folgenden „pax mongolica“, Ursprungsort und Rückzugsgebiet der Reiternomadenreiche, welche die Geschicke Europas, Transkaukasiens, Chinas und Indiens jahrhundertelang geprägt haben. Ein riesiger Landstrich voll fabelhaft reicher und mächtiger Städte, Heere, Herrschergestalten und Ressourcen.

          Im neunzehnten Jahrhundert wurde Zentralasien dann zum Spielfeld des „Great Game“ zwischen Russland und Großbritannien: Die Zaren drängten zum Indischen Ozean, die Briten wollten die Russen von ihrem Herrschaftsgebiet fernhalten. Das Großmachtspiel endete mit der russischen Eroberung der innerasiatischen Khanate und Oasenreiche. Erst die Nationalitätenideologie Stalins – „Eine Nation ist eine historisch entstandene stabile Gemeinschaft von Menschen, entstanden auf der Grundlage der Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart“ – hat im ehemaligen Turkestan Nationalstaaten hervorgebracht, die sich einige Jahrzehnte lang als die Sowjetrepubliken Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan formierten und 1990 in die Unabhängigkeit entlassen wurden.

          Einstudiert wirkende Rucksacktouristinnen-Perspektive

          Diese Länder zeigen seither ein kulturelles und politisches Spektrum zwischen Autoritarismus – am bizarrsten in Turkmenistan, am schrecklichsten in Usbekistan – und Protodemokratie wie etwa in Kirgisistan. Sie sind geprägt durch eine sufistische Variante des Islams, das sowjetische Erbe und Umweltzerstörungen in größtem Ausmaß: Der Aralsee, früher der viertgrößte Binnensee der Welt, ist heute so gut wie verschwunden. Surrealistische Herrschaftsarchitekturen dominieren das Stadtbild, zum Beispiel in der kasachischen Hauptstadt Astana. Die „neuen Despotien“ (John Keane) sind zugleich geprägt von den kulturellen Monumenten vergangener islamischer Reiche, für welche die sagenumwobenen Städtenamen Buchara, Khiva und Samarkand stehen.

          Erika Fatland: „Sowjetistan“. Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan.
          Erika Fatland: „Sowjetistan“. Eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. : Bild: Suhrkamp Verlag

          Erika Fatland, eine in Norwegen durch Kinder- und Reisebücher bekannt gewordene Autorin des Jahrgangs 1983, nähert sich in ihrem Buch „Sowjetistan“ diesen Landschaften und Menschen in einer einstudiert wirkenden Rucksacktouristinnen-Perspektive. Sie kann Russisch – aber das ist fast die einzige Vorerfahrung, die sie für ihre Expedition mitbringt. Sie setzt sich ihren Reiseerfahrungen mit genau dem inneren Gepäck aus, das eine überdurchschnittlich abenteuerlustige Einzeltouristin dorthin mitbringen würde. Was die Erfolgschancen ihres Buches bei ihren Lesern begründet – aber auch gewisse Begrenzungen ihres Zugangs.

          Eine Art gewitzt naives Staunen ist Fatlands Erkenntnismethode. Ihre landeskundliche Hauptquelle sind Taxifahrer, die sie für Überlandfahrten engagiert, Einheimische, die sie mit ihrer berühmten Gastfreundlichkeit empfangen und in ihren armseligen Unterkünften bewirten. Ihr Blick schweift aus verlassenen Luxushotels in öde Steppen, aus rumpeligen Landrovern und verdreckten Eisenbahnwaggons – eine reizvolle Mischung aus selbsterlebter Konkretion und verlässlich referierten Lesefrüchten.

          Historischer Hintergrund angenehm proportoniert

          Dazu zählen Exkurse über den Sufismus, die Verbannungsorte Dostojewskis, die russisch-britischen Scharmützel, die sowjetische Zerstörung der kasachischen Weidewirtschaft und die auf sie folgenden Hungersnöte, die Umtriebe der früheren usbekischen Präsidententochter, Popsängerin und Multimillionärin Gulnara Karimowa. Die Geschichte des Brautraubs in Tadschikistan wechselt sich ab mit das Launige streifenden Beschreibungen von Eisenbahnfahrten in mit kasachischen Familien vollbesetzten Schlafwagenabteilen, Abenden in tadschikischen Diskotheken, Pferderennen in Turkmenistan, dem Geschmack von vergorener Kamelmilch und den Kalorienorgien ruinös aufwendiger Hochzeitsfeste in gottverlassenen Dörfern auf dem Pamir-Plateau.

          Und natürlich fehlt auch ein Besuch in dem halb kirgisischen, halb deutsch-mennonitischen Dorf „Rot-Front“ nördlich von Bischkek nicht, das als Pflichtziel in Rucksacktouristenkreisen mittlerweile legendär ist; ebensowenig wie eine Besichtigung des berühmten Museums sowjetischer Avantgardekunst in Nukus an der usbekisch-turkmenischen Grenze.

          Das schön gedruckte, mit Farbfotos und Überblickskarten aufgemachte Buch liest sich gut. Die historischen Hintergrundinformationen sind zuverlässig und angenehm proportioniert. Erika Fatlands Erlebnisse wirken authentisch. Obwohl sie ihren Gesprächspartnern oft sehr nahekommt, widersteht sie der Versuchung, die fremden Lebenswelten, trotz deren oft beträchtlicher Entfernung von den unseren und der damit oft genug einhergehenden unfreiwilligen Komik, ins Lachhafte zu ziehen. Eine wertungsfrei staunende Ironie ist der Grundton ihrer Erlebensbeschreibungen. Ein gut ausgewähltes Verzeichnis weiterführender Literatur schließt den Band ab. „Sowjetistan“ ist jedem ans Herz zu legen, der selbst in eines der beschriebenen Länder reisen möchte, was heute problem- und gefahrlos möglich ist.

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