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: Erfolgreiche Traumverödung

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Hinter jeder knarzenden Tür ein Golem, in jedem Vierzeiler ein Weltuntergang: Mußte man sich da nicht einfach hysterisch dissoziieren? Ohne Zweifel labte sich die literarische Moderne ("um 1900") am Faszinosum der alogischen Psyche. Einzig im Innern des unrettbaren Ich konnte überhaupt noch Menschheit dämmern.

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          Hinter jeder knarzenden Tür ein Golem, in jedem Vierzeiler ein Weltuntergang: Mußte man sich da nicht einfach hysterisch dissoziieren? Ohne Zweifel labte sich die literarische Moderne ("um 1900") am Faszinosum der alogischen Psyche. Einzig im Innern des unrettbaren Ich konnte überhaupt noch Menschheit dämmern. Daß sich die Äcker der vitalistischen Dichtung und des braven Seelensoldaten Sigmund Freud überschnitten, ist wohlbekannt und führt bis heute zur Malträtierung von Literaturwissenschaftsstudenten ("Couch Potatoes" in ganz anderem Sinn) mit dem Ungetüm "Traumdeutung". Wie genau aber gingen die Literaten mit der psychoanalytischen Kränkung des auf- und abgeklärten Subjekts um?

          Thomas Anz, einer der besten Kenner der Materie, hat nun die Ergebnisse des mehrere Jahre währenden Forschungsprojekts "Psychoanalyse in der literarischen Moderne" in eine gleichnamige Dokumentation gegossen, deren fünf Bände noch im Verlauf dieses (Freud-)Jahres erscheinen. Der erste Band zur "Wiener Moderne" enthält nicht nur die den Briefen, Artikeln und Essays entnommenen, klug kommentierten Reaktionen Hermann Bahrs, Hugo von Hofmannsthals, Arthur Schnitzlers sowie Karl Kraus', sondern auch zwei instruktive, das Material aufbereitende Aufsätze von Thomas Anz und Mitherausgeber Oliver Pfohlmann.

          Hochgegriffen - vielleicht selbst eine gewisse analytische Fixierung - scheint das Credo, die "Literatur des gesamten Jahrhunderts" sei "ohne ihre Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse kaum angemessen zu verstehen". Probleme bereitet dabei jedoch nur der bestimmte Artikel. Freuds Werk wird nicht als nur ein besonders markanter Exponent des epistemologischen Umschwungs im "Zeitalter des Menschen" verstanden, sondern als Quell- und Urtext, den es in der Kunst wiederzufinden gilt. Alfred Döblin aber, nur zum Beispiel, verstand unter Analyse der Psyche (gleichursprünglich) etwas ganz anderes, wie Anz selbst erwähnt. Der Einleitung unterliegt die von dem Marburger Literaturwissenschaftler in vielen Veröffentlichungen ausgearbeitete These, das wichtigste Strukturmodell für die Literatur der Moderne sei der Antagonismus. Die vielen Kämpfe könnten jedoch - hier kommt die Analogie zur Psychoanalyse ins Spiel - als Codierung jener Grundauseinandersetzung zwischen Körper und Geist aufgefaßt werden, welche die Aufklärung zugunsten der Vernunft vorübergehend suspendiert hatte. Zuletzt also siegt doch der Trieb.

          Nicht alle aufgeführten Textpassagen hätte man bei einer Stichwort-Suche in der "Digitalen Bibliothek" gefunden, denn mitunter sind die Bezüge subtiler als einfache Namensnennungen. Und doch muß die Frage erlaubt sein, ob nicht der Druck der beiden Aufsätze genügt hätte und der editorische Part in einer elektronischen Version besser aufgehoben wäre, zumal das Layout der vorliegenden Version in etwa so wirr ist wie Daniel Paul Schrebers Weltanschauung. Die Mehrzahl der Eintragungen ist zudem von einer Langweiligkeit, die nur Positivisten nicht entmutigt: "Über Freud". So Arthur Schnitzler in seinem Tagebuch, zigfach.

          Spannender, weil nach 1908 von Spannungen nicht frei, wird es bei Karl Kraus. Wie sich Döblin von der "aschgrauen Dogmatik" abstieß, heißt es in Kraus' "Fackel" von 1936 en passant, daß "die Bemühungen der Psychoanalytiker" vor allem darin erfolgreich seien, "Träume zu veröden". Es ist ein Kampf um die Deutungshoheit im Reich des Geistes. Die sorgfältigen Recherchen der Herausgeber (inklusive der vielen Bibliographien) geben Germanisten viel Stoff für Seminare über diesen Kampf der Träumer an die Hand.

          OLIVER JUNGEN

          Thomas Anz, Oliver Pfohlmann (Hrsg.): "Psychoanalyse in der literarischen Moderne". Eine Dokumentation. Band I: Einleitung und Wiener Moderne. Verlag LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2006. 305 S., br., 19,80 [Euro].

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