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: Ereignisfolge im Lustmodus

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Das Phänomen Kunst harrt einer evolutionstheoretischen Erklärung. Sind Kunstwerke übersteigerte Schlüsselreize, Imponiergehabe oder vielleicht eher ein nutzloses Nebenprodukt der Evolution? Nichts von alledem, meint Karl Eibl, Literaturwissenschaftler und Verfechter eines "biologischen Turns" in der Literaturwissenschaft.

          Das Phänomen Kunst harrt einer evolutionstheoretischen Erklärung. Sind Kunstwerke übersteigerte Schlüsselreize, Imponiergehabe oder vielleicht eher ein nutzloses Nebenprodukt der Evolution? Nichts von alledem, meint Karl Eibl, Literaturwissenschaftler und Verfechter eines "biologischen Turns" in der Literaturwissenschaft. Kunst dient, kurzgefaßt, dazu, die Keimdrüsen in Gang zu halten. Kunst erzeugt Lust.

          Lust ist ohne Zweifel ein Ziel menschlichen Strebens, doch sie ist, so Eibl, kein Letztbegriff, sondern muß der evolutionsbiologischen Bewährungsfrage nach ihrem Nutzen ausgesetzt werden. Dieser Nutzen der Lust liegt nach Eibl darin, Stress zu kompensieren. Stress ist bekanntlich nur dann eine förderliche Reaktion des Organismus, wenn er sich auf einzelne Episoden beschränkt, wie die überstürzte Flucht vor dem Raubtier, der wilde Kampf mit dem Gegner. Dauerstress schädigt den Organismus, ruiniert sein Immunsystem und macht ihn unfruchtbar. Eibl nennt dies die "stille Selektion". Die Fähigkeit, Dauerstress zu kompensieren, könnte ein evolutionärer Vorteil sein: Glück als Fitness-Faktor. Die Gemüter werden entspannt, das Immunsystem gestärkt, und die Keimdrüsen tun wieder ihre Schuldigkeit. Das, so Eibl, ist der Ursprung der Adaptationen, auf denen die "höhere" Kunst beruht. So entsteht in der Steinzeit das interesselose Wohlgefallen.

          Diese Theorie vom adaptiven Nutzen der Kunst ist der oberste von Eibls "Bausteinen einer biologischen Kultur- und Literaturtheorie", so der Untertitel. Die Basis bildet der Versuch, das Verhältnis von Angeborenem und Erlerntem mit Hilfe von Ernst Mayrs Begriff der offenen Programme zu fassen. Diese Verhaltensprogramme sind genetisch angelegt, werden aber, anders als reine Instinkthandlungen, durch Erfahrungen modifiziert. Sie bestehen nach Eibl vor allem in Suchfunktionen, mit denen der Mensch die kulturelle Welt durchkämmt. Ohne Suchprogramme wird nichts gefunden, aber der Suchimpuls findet nur, was ihm angeboten wird. Das aktuelle Verhalten, so Eibl, ist das Ergebnis von "Verhandlungen" an der Gen-Kultur-Grenze.

          Seinem in der "literarisch-geisteswissenschaftlichen ,Kultur'" beheimateten Modell-Leser traut Eibl zu, die Debatten seit Freud verschlafen zu haben, und liefert erst einmal eine Einführung in Soziobiologie und Evolutionspsychologie, vom Westermarck-Effekt über die Mem-Theorie bis zum Aufspüren von Betrügern. Lesenwert ist sie für den nicht ganz Verschlafenen vor allem wegen der unbekümmerten Einwürfe des Autors: Das Lächeln ist aus dem Zähnefletschen entstanden? Mag ja sein, aber doch wohl auch, weil es ein gutes Gefühl vermittelt, der Geborgenheit und Wärme. Zu diesem Duktus paßt, daß Eibl sich eindimensionalen Erklärungen, wie sie Evolutionspsychologen gern unterlaufen, verweigert. Wenn jemand in eine Kneipe kommt, will er eben nicht nur mit dem Rücken zur Wand sitzen (weil er dann weiß, daß von da keine Angreifer kommen), sondern vielleicht auch da, wo es hell ist, neben Freunden, bei hübschen Mädchen oder Knaben und vor allem da, wo es keinen Ärger gibt. Statt um die Unterdrückung von Trieben geht es um ihre Koordination im Einzelfall.

          Zwischen der Koordination der Triebe angesichts der Erfordernisse der Kultur und dem interesselosen Wohlgefallen der gestressten Jäger und Sammler steht die menschliche Fähigkeit zur Vergegenständlichung. Mentale Entitäten, sprich Gedanken, Gefühle und das Ich, können von einzelnen Personen abgelöst und zum "Gegenstand" von Gesprächen werden. So können Situationen simuliert, kann Wissen akkumuliert werden. Dieses muß "verschnürt", aufbereitet und weitergetragen werden, etwa durch Erzählen: Hier ergibt sich der Brückenschlag zur Literaturwissenschaft.

          Eibls Kulturtheorie ist Evolutionspsychologie, gefiltert durch das Netz des Literaturwissenschaftlers. Gängige literaturwissenschaftliche Begriffe finden eine evolutionsbiologische Fundierung, die Metapher etwa wird zur heuristischen Modellbildung nach Art des Analogieschlusses, die Mimesis zur "Vergegenständlichung einer Ereignisfolge im Lustmodus". Angeborene Ereignis-Schemata helfen dem Menschen, Informationen zu strukturieren und Geschichten einen Sinn zu geben. Gängige Motive finden ihre evolutionspraktische Verortung: Das biblische Jenseits ist oben, weil Menschen versuchen, sich bei Gefahr nach oben zu retten. Auch etwas Erkenntnistheorie darf nicht fehlen: Nach der evolutionär verankerten Gleichförmigkeitsvermutung ist es im Jenseits wie auf der Erde, nur alles ein bißchen besser.

          Bisweilen allerdings greift der Autor zu weit aus. Die mit großer Darwinscher Geste "Licht wird fallen . . ." angekündigten Abschnitte über Bewußtsein und freien Willen sind zu knapp, um zu überzeugen. So faszinierend es ist, wenn sich auf einer Buchseite Heines Gedichte und die inzwischen auch Weizen waschenden Makaken als Illustration der versuchsweisen Übertragung von Bedeutung treffen, bleibt oft die Frage stehen, was sich für die Literaturwissenschaft aus den biologischen Einsichten ergibt, außer der heute nicht mehr spektakulären Einsicht, daß nicht nur der Körper, sondern auch der Geist eine Evolutionsgeschichte hat.

          MANUELA LENZEN

          Karl Eibl: "Animal Poeta". Bausteine einer biologischen Kultur- und Literaturtheorie. Mentis Verlag, Paderborn 2004. 419 S., br. 46,- [Euro].

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