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Eran Rolnik: Freud auf Hebräisch : Der unwissende Meister im fernen Wien

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Bild: Vandenhoeck & Ruprecht

Die zionistische Suche nach dem wahren Selbst: Der israelische Historiker Eran Rolnik beschreibt, wie Sigmud Freuds Schüler und Ideen nach Palästina auswanderten.

          Sigmund Freud hatte bekanntlich ein distanziertes Verhältnis zum Judentum. Auch wenn der Großteil seiner ersten Patienten wie auch seiner deutschsprachigen Schüler jüdischer Abstammung war, wollte er seine psychoanalytische Methode keinesfalls als eine „jüdische Wissenschaft“ verstanden wissen. Wie ihr Lehrer waren auch Letztere säkular ausgerichtet und zeigten zunächst kaum Interesse am Zionismus. Weniger traf dies auf diejenigen seiner Adepten zu, die aus Osteuropa stammten. Sie trugen Freuds Ideen in den osteuropäischen Raum, wo sie auch zionistisch-sozialistische Kreise erreichten, über die sie Anfang der zwanziger Jahre nach Palästina gelangten. Dieser Ideentransfer wird nun in der Studie des israelischen Psychiaters und Historikers Eran Rolnik anschaulich.

          Zu den ersten Vermittlern der Freud’schen Lehre gehörte der aus Galizien stammende jüdische Wiener Pädagoge und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld, der Freuds Psychoanalytischer Vereinigung 1918 beigetreten war. Um diese Zeit knüpfte er Kontakte zu Mitgliedern der in Galizien einige Jahre zuvor gegründeten zionistischen Jugendorganisation „Haschomer Hatzair“ (Der junge Wächter), die sich von Bernfelds jugenderzieherischen Methoden, welche auf dem freudianischen Konzept der Verdrängung basierten, inspirieren ließen. Damit hofften sie die Identitätsspaltung, unter der aus ihrer und auch Bernfelds Sicht jüdische Jugendliche besonders litten, zu überwinden.

          Gemeinsames Duschen verordnet

          Kaum war ihr Anführer Meir Yaari 1920 in Palästina angekommen, plädierte er dafür, „Freud und seine Schule aufmerksam“ zu studieren. Die Suche nach dem „ursprünglichen wahren Selbst“ nahm bei „Haschomer Hatzair“ schon bald Züge einer Gruppentherapie an: Gemeinsam reflektierte man die eigenen - auch sexuellen - Empfindungen und meinte so die vermeintlichen Neurosen des Diasporajuden hinter sich zu lassen.

          Als sich die Organisation zunehmend sozialistischen Ideen verschrieb, wurde Freuds Trieblehre instrumentalisiert, um die Befreiung von der „heuchlerischen bürgerlichen Verdrängung der natürlichen Triebe“ zu propagieren. Nicht nur in den Kibbuzim dieser Jugendbewegung wurde versucht, sich der geglaubten Macht des Ödipuskomplexes dadurch zu entziehen, dass man die Kinder weitgehend getrennt von ihren Eltern aufzog. Bei „Haschomer Hatzair“ herrschte zudem die Überzeugung, den kindlichen Sexualtrieb im Sinne des Kollektivs lenken zu können, indem man Mädchen und Jungen schon von klein auf gemeinsames Duschen verordnete.

          Volkserziehung durch Übersetzung

          In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre blieb die weitere Freud-Rezeption auf wenige Kreise von Interessierten beschränkt. Zu ihnen gehörte bezeichnenderweise der Hebräische Lehrerverband, der 1928 die erste Übersetzung aus Freuds Schriften ins Hebräische veranlasste. Von seiner Abhandlung „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ versprachen sich die zionistischen Pädagogen, die das Werk gleich zur Pflichtlektüre erklärten, offenbar ein besseres Verständnis der Mechanismen des Gruppenverhaltens, mit dessen Hilfe sie ihr volkserzieherisches Projekt in Palästina voranzutreiben hofften.

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