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: Er war stets Partei, nur nicht immer auf derselben Seite

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Was der "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein bewegt hat, welch ungeheure Rolle er für die Nachkriegsgeschichte Deutschlands spielte, weit über die eines Publizisten hinaus, das weiß man. Der Kanonier hat mit seinem "Sturmgeschütz der Demokratie" fünfzig Jahre lang die Schlachtreihen der deutschen Politik besetzt und gelichtet.

          Was der "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein bewegt hat, welch ungeheure Rolle er für die Nachkriegsgeschichte Deutschlands spielte, weit über die eines Publizisten hinaus, das weiß man. Der Kanonier hat mit seinem "Sturmgeschütz der Demokratie" fünfzig Jahre lang die Schlachtreihen der deutschen Politik besetzt und gelichtet. Er hat Konrad Adenauers Entscheid für die Westbindung als Irrweg in die ewige Teilung des Landes gebrandmarkt und bekämpft. Franz Josef Strauß als Bundeskanzler hat Augstein verhindert; die sozial-liberale Koalition hingegen hat er im Bewusstsein einer historischen Mission beschworen und die Ostpolitik Willy Brandts unterstützt. Rudolf Augstein war stets Partei, nur nicht immer auf ein und derselben Seite. "Ein Nationaler und ein Liberaler und als solcher sich treu geblieben", sagt Peter Merseburger.

          Rudolf Augstein war der "Spiegel", und der "Spiegel" war eine Macht. Solange er als Chefredakteur und Herausgeber fungierte, war der Montag nicht einfach "Spiegel-Tag", sondern der wöchentlich wiederkehrende "D-Day" der Bonner Republik. Bewegt durch Skandalrecherchen und durch Augsteins Kommentare und Essays, in denen er den politisch Handelnden die Leviten las. Ein Monolith, scheinbar. Und doch haderte der Meister mit seinem Instrument, war unsicher in seinen Entscheidungen, wankelmütig in seiner Kommentierung und fühlte sich am Ende wohl eher dem Scheitern näher denn dem Triumph. Er war getrieben von der "Lust zur Selbstzerstörung". Wer war Rudolf Augstein? Und was wollte er?

          Peter Merseburger, der von 1960 bis 1965 Redakteur des "Spiegel" war, bevor er zum Norddeutschen Rundfunk ging und in der ARD Chefredakteur und Amerika-Korrespondent wurde, gibt in seiner Biographie zunächst eine Antwort, die wir zu kennen glauben: Augstein sei "ein gnadenloser Realist" gewesen, ein "melancholischer" und "positiver Zyniker", ausstaffiert mit einer "Grundeinstellung, die im Lebensgefühl jener Frontgeneration wurzelt, der er angehörte - die sich missbraucht und verheizt fühlte und, die dröhnenden Propagandalügen des NS-Systems noch im Ohr, nach dem Krieg nicht nur ,Dies nie wieder!' schwor, sondern seither jedem Wort misstraute." So sei der "Spiegel" zu einem "Institut der Respektlosigkeit" geworden, zu einer "Volkshochschule der Ehrfurchtsverweigerung und Skepsis gegenüber aller Autorität, zu einem Blatt des Infragestellens", ohne die ein demokratischer Diskurs nicht zu denken sei.

          Zu denken ist dieser Diskurs im Nachkriegsdeutschland vielleicht in der Tat nicht ohne Augstein und ohne den "Spiegel". Wobei dem späten Leser sich die Frage aufdrängt, ob Augstein und seine Leute wirklich "jedem" Wort misstrauten oder nicht doch "jedem" außer dem eigenen - das ex cathedra, im Brustton moralischer Überlegenheit und mit der Lust an der rhetorischen Vernichtung formuliert wurde. Seite um Seite liest man bei Merseburger nun den brachial geführten Kulturkampf des "Spiegel" in den fünfziger und sechziger Jahren nach, der 1962 in der "Spiegel"-Affäre mündete, in deren Folge Augstein wochenlang in Haft saß, am Ende aber triumphierte und Franz Josef Strauß seine bundespolitische Karriere fürs Erste begraben musste.

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