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Buch von Trumps Nichte : Böse Männer

Mary Trump, die Nichte des amerikanischen Präsidenten Bild: dpa

Mary Trump, die Nichte des amerikanischen Präsidenten, erzählt die Geschichte der Familie. Noch ein Buch über Trump? Ja, es musste sein.

          4 Min.

          Was zum Teufel, möchte man fragen, müssen wir in diesen Tagen noch wissen über die Vergangenheit und Herkunft des Donald Trump, über den bösen Vater, die frühkindlichen Prägungen und das Heranwachsen des Jungen zum größten Angeber New Yorks (oder des Universums) – wo doch viel brisanter die Frage nach der Gegenwart und Zukunft des amerikanischen Präsidenten ist, die Frage also, ob er doch noch die Wahlen im Herbst gewinnen kann. Und ob er, wenn er verlieren sollte, das Ergebnis anerkennen wird.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Und wozu, möchte man weiterfragen, braucht es ein weiteres Buch, das seinen Lesern Donald Trump erklären will, wo es doch jedem halbwegs besonnenen Menschen weniger darum gehen muss, Trump zu verstehen, als vielmehr darum, ihn zu verhindern.

          In der Fiktionsfalle

          Warum das eine womöglich das Gegenteil des anderen ist: Das konnte man ganz gut beobachten bei den sogenannten Enthüllungsbüchern über Donald Trump, die in den vergangenen Jahren und Monaten erschienen sind. Der Präsident, so konnte man da lesen, hat wenig Wissen über die Welt, versteht weder die Regeln der Demokratie noch die der Gewaltenteilung, ist eitel, kleinlich, nachtragend und ohne jede Empathie. Vor allem ist er aber eine Figur, die ein erwachsener Mensch kaum für voll nehmen kann: ein böser Clown, ein Kasper, ein Kindskopf – ein Mann jedenfalls, der den hysterischen Großstadt-Irren aus „Batman“-Comics ähnlicher zu sein scheint als irgendeinem anderen amerikanischen Präsidenten, an den wir uns erinnern können.

          Mary L. Trump: „Zu viel und nie genug“. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf.
          Mary L. Trump: „Zu viel und nie genug“. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf. : Bild: Randomhouse/Heyne Verlag

          Und genau das ist das Paradox dieser Bücher. Trump zu verstehen heißt offenbar, ihn zu unterschätzen. Denn wenn Trump so ein Trottel ist: Wie ist er dann an die Macht gekommen? Und wenn man ihn, auch wegen seines unabweisbaren Unterhaltungswerts, vor allem als quasifiktionale Figur wahrnimmt, als Erfindung seiner selbst: wie kommt man dann mit der ganz unfiktionalen Politik zurecht, mit den gar nicht comichaften Folgen Trump’schen Handelns? Die Europäer, so kommt es einem heute vor, sind in diese Fiktionsfalle getappt, gleich nach Trumps Amtsantritt, als so viele Politiker und all die Sinnstifter, die lieber Geschichte als Leitartikel schreiben wollten, die endgültige Abkehr Europas von Amerika forderten – so, als hätten die Vereinigten Staaten nicht nur einen neuen, von Europa aus betrachtet ziemlich unverständlichen Präsidenten bekommen, sondern als wäre das ganze Land abgedriftet in die Fiktionalität einer trivialen und absolut uneuropäischen Fernsehshow, „The Apprentice“, in welcher der notorische Bankrotteur Donald Trump den erfolgreichen Unternehmer spielte.

          Ein Konflikt von fast mythologischer Wucht

          Mary Trump, Nichte des Präsidenten und Tochter seines älteren, frühverstorbenen Bruders, hat ein Buch über ihren Onkel geschrieben, „Zu viel und nie genug“ heißt es, im Untertitel „Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ – und wenn man darin zu lesen beginnt, denkt man erst einmal: Oh je, nach der TV-Show kommt jetzt auch noch der Roman. Denn Mary Trump fängt, wie einst Balzac, ihre Erzählung mit dem Großvater an, mit Friedrich Trump, später Frederick genannt, dem Deutschen aus Kallstatt in der Pfalz, der nach Amerika auswanderte, sein erstes Geld mit Bordellen verdiente, später einen Friseursalon auf der Wall Street eröffnete und schließlich in Queens die Grundlage schuf für das Immobiliengeschäft, das sein Sohn Fred, Donalds Vater und Marys Großvater, dann zu einem riesigen und extrem profitablen Unternehmen machte. Dieser Fred Trump, ein Mann von großer Nüchternheit, Skrupellosigkeit und ohne jedes Talent für Empathie, ist der eigentliche Schurke dieses Buchs und zugleich eine hochliterarische Figur. Man denkt an den alten Séchard in den „Verlorenen Illusionen“, den Vater, der seinen eigenen Sohn um ein Vermögen bringt.

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