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: Endlich in der Heimat

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Nichts überrascht mehr an diesem Buch als der entspannte Ton, den sein Autor anschlägt. Denn er schreibt ja über das Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen Nationalität, über ein Thema also, das sonst nur die verbissensten Mienen und die allerernstesten Akkorde abruft. Matthias Matussek hingegen sieht Deutschland in den Gesten und Gesichtern der Menschen, die er liebt.

          Nichts überrascht mehr an diesem Buch als der entspannte Ton, den sein Autor anschlägt. Denn er schreibt ja über das Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen Nationalität, über ein Thema also, das sonst nur die verbissensten Mienen und die allerernstesten Akkorde abruft. Matthias Matussek hingegen sieht Deutschland in den Gesten und Gesichtern der Menschen, die er liebt. Am Anfang des Buchs steht die Erinnerung an seinen fünfjährigen Sohn, der "nach einem Transatlantikflug auf der Gangway in Frankfurt auf die Knie ging und theatralisch ausrief: ,Endlich in der Heimat.'" Es endet mit dem Blick auf das Gesicht seiner schlafenden Frau, in dem er die beste Antwort auf die Bitte findet, "einen unverkrampften Satz über Deutschland zu sagen".

          Eine andere Klammer des Buchs erklärt den optimistisch ambivalenten Untertitel "Warum uns die anderen gern haben können". Von seiner fassungslosen Wut über die englische Romanautorin Antonia Byatt berichtet Matussek einleitend, die bei einem zu ihren Ehren von der deutschen Botschaft in London veranstalteten Dinner anmerkte, alte Demokratien wie Großbritannien bedürften einer europäischen Verfassung nicht, während sie allemal ein guter Schutz gegen die notorisch unzuverlässigen Deutschen sein könnte.

          Der unschlagbare Deutschen-Haß der englischen Medien verfestigt sich über die folgenden dreihundertfünfzig Seiten zu einem Leitmotiv, welches Matussek freilich mit soviel Fremd- und auch Selbstironie ausspielt, daß es drei Seiten vor Schluß widerspruchslos in eine Liebeserklärung umschlagen kann: "Hatte ich schon erwähnt, daß ich unser germanisches Brudervolk auf der Insel immer schon sehr mochte? Es ist Zeit für eine Aussöhnung, und wie immer ist es der Klügere, der hier den ersten Schritt tut: Also Engländer, meinetwegen schnappt euch Schleswig-Holstein. Aber ab jetzt: Keine Hitlertiraden mehr, klar?!"

          Es gibt freilich in Deutschland geborene Intellektuelle aus Matusseks Generation der jetzt Fünfzigjährigen, denen die nationale Geschichte so sehr zu einer von den schweigenden Tätern auferlegten Last wurde, daß sie das Land verließen, seine Staatsbürgerschaft aufgaben und bis heute bei jeder Rückkehr für einen - vielleicht obsessiven - Augenblick zu spüren glauben, daß seine Atmosphäre verwunschen bleibt. Für solche Deutsche, über die sich Matussek vor allem lustig macht, ist seine programmatische Unbekümmterheit gewiß eine Herausforderung: "Ich bin nicht tief traumatisiert, denn ich denke nicht oft an die deutsche Schuld und an den Holocaust, und wenn ich es tue, bin ich traurig."

          Um Sätze wie diese zu rechtfertigen, macht Matussek geltend, daß sich die Scharniere der Zeit verändert haben, unter denen die Deutschen ihre Vergangenheit erfahren können. Deutsche Gegenwart ist für dieses Buch nicht einfach die Berliner Republik, sondern spezifischer die Berliner Republik der Regierung von Angela Merkel, in deren Kabinett und Opposition sich eher als die Integration von Ost-Deutschen und West-Deutschen die Neutralisierung ebendieses Unterschieds vollzogen haben soll.

          Deutschland sei zum ersten Mal in einer Situation angekommen, wo seine Grenzen und seine zentrale europäische Rolle unbestritten akzeptiert werden. Dieser Eindruck erklärt möglicherweise die Beobachtung eines neuen politischen Stils, in dem nach Matussek Kompetenz und pragmatische Problemorientiertheit über die klassischen ideologischen Grenzziehungen dominieren. Vor allem aber soll die unideologische Gegenwart den Blick auf die Weite nationaler Vergangenheit eröffnen, die nicht mehr blockiert ist vom "Riegel" der zwölf nationalsozialistischen Jahre.

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