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Emilia Smechowski über Polen : Abenteuer einer Strebermigrantin

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Emilia Smechowski ist eine kluge Beobachterin kultureller Anpassungsprozesse. Bild: Picture-Alliance

Rückkehr in die fremde Heimat: Emilia Smechowskis schreibt über den Kampf ums Dazugehören und ihr Jahr in Polen.

          Emilia Smechowski ist 1988, als fünfjähriges Mädchen, aus einer Kleinstadt bei Gdańsk nach West-Berlin gekommen, wo ihre Eltern als Mediziner Karriere machten. Wie die Mehrheit der zwei Millionen polnischen Einwanderer in der Bundesrepublik legten sie Wert auf möglichst perfekte sprachliche und kulturelle Assimilation an die deutsche Mehrheitsgesellschaft.

          Smechowski debütierte als Autorin mit einem Buch über diesen Assimilationsprozess, der sie, wie sie ironisch schrieb, zu einer „Strebermigrantin“ machte. Im März 2018 begab sich die zeitweilige „taz“-Redakteurin, die heute als freie Autorin arbeitet, für ein Jahr auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung: sie nahm die Gelegenheit wahr, für ein Jahr mit ihrer Tochter, die 2018 etwas jünger war als sie selbst bei ihrer Emigration nach Deutschland, in Gdańsk zu leben. Ihr Buch „Rückkehr nach Polen“ ist das Resultat dieses Aufenthalts.

          Es war der Aufenthalt in einem Land, das Emilia Smechowski auf der Erinnerungsebene kindlicher Erfahrungen – Gerüche, Natur, die Sprache, das Essen, das Meer – einerseits intim vertraut war. Andererseits ist ihr die politisch-gesellschaftliche Verfasstheit der polnischen Republik der Jahre 2018 und 2019 nur so bekannt gewesen wie einer gut informierten Zeitungsleserin; und so wenig uneingeschränkt sympathisch wie linken und liberalen Beobachterinnen und Kommentatoren in Deutschland generell.

          Emilia Smechowski: „Rückkehr nach Polen“

          Der durch diese kognitive Dissonanz zustande gekommene stereoskopische Blick, der die Autorin in jedem Kapitel ihres Buches „bewitched, bothered and bewildered“ zurücklässt, teilt sich dem Leser intensiv mit und macht den literarischen Reiz ihrer Reportage aus. Zwiespältigkeit, Spaltung, Gespaltenheit – so kann man die Eindrücke und Einblicke zusammenfassen, die Smechowski von ihrem Aufenthalt in Gdańsk und von ihren Reisen nach Warschau, Krakau, Poznań, Oświęcim/Auschwitz und in andere polnische Städte zurückgebracht hat.

          Katalysator und Ausdruck dieser Spaltung ist die nationalkonservative Regierung der Partei „Prawo i Sprawiedliwość“ (Recht und Gerechtigkeit), die de facto dirigiert wird von deren Vorsitzendem Jarosław Kaczyński, nominell einem einfachen Parlamentsabgeordneten. Kaczyński verwirklicht eine seltsam indirekte Ausübungsform protodiktatorischer Herrschaft, die man auch aus dem Rumänien Liviu Dragneas und dem Georgien Bidzina Iwanischwilis kennt.

          Politisch knüpft sie an die Vorstellungen der nationalkatholisch-konservativen Narodowa Demokracja („Endecja“) der Zwischenkriegszeit an. Noch seltsamer und politisch fragwürdiger als die damit bezeichneten reaktionären politischen Positionen jedoch ist die politische Theologie, die hinter ihnen steht. PiS beansprucht, das „wahre Polen“ zu repräsentieren. Jarosław Kaczyńskis Herrschaft ist zwar durch Wahlergebnisse solide bestätigt, im Kern jedoch charismatisch. Er sieht sich und die Seinen als Vertreter des „wahren Polen“ – einer traditionell eher sakralen als kulturell-politischen Entität, die als Märtyrernation des alten Europas christologische Welterlösungszüge trägt. Die chiliastische Aufladung der nationalen Idee und des politischen Lebens aber führt dazu, dass politische Meinungsunterschiede nicht mehr politisch bearbeitet werden können, sondern als Glaubenskonflikte erscheinen. Liberale und linke Polen sehen sich nicht nur im politischen Meinungskampf besiegt, sondern als Häretiker exkommuniziert – und tendenziell ausgebürgert. „Für die PiS und ihren Chef Jarosław Kaczyński“, schreibt Emilia Smechowski, „wird der Staat nicht durch die Gesamtheit aller Bürger legitimiert. Sondern durch eine Gruppe von Menschen, die bestimmte Werte und eine Geschichte teilen. In ihrer Logik sind diejenigen, die sich gegen die PiS stellen, nicht Teil der Nation. Sie sind ,Polen der schlechteren Sorte‘ – eins der berühmten Zitate von Kaczyński.“

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