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Unübersetzbare Wörter : Bei Kummerspeck hilft Kabelsalat

In Ostkanada gibt es ein Wort dafür: Doppelseite aus „Lost in Translation“ von Ella Frances Sanders Bild: DuMont Buchverlag

Hier ist das Erlebnis an sich wichtiger als das Ziel: Im Spanischen gibt es einen Ausdruck dafür. Ella Frances Sanders sammelt unübersetzbare Wörter. Fünf deutsche haben es auch in ihr Buch geschafft.

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          Dieses Buch bleibt kein „Tsundoku“. Eher im Gegenteil. Ist es doch ein schönes Thema für „Fika“. Jedenfalls reicht, obwohl es kurz und bilderreich ist, „Pisan Zapra“ nicht aus, um es zu lesen. Was das bedeuten soll? Nun, wer „Lost in Translation“ von Ella Frances Sanders studiert oder auch nur durchgeblättert hat, versteht es: „Tsundoku“ ist japanisch und meint „ein Buch ungelesen lassen, nachdem man es gekauft hat, und es zu den anderen ungelesenen Büchern legen“, „Fika“ heißt auf Schwedisch „sich treffen, um zu reden und eine Pause vom Alltag zu machen, wobei man normalerweise Kaffee trinkt“, und „Pisan Zapra“ ist Malaiisch für „die Zeit, die man braucht, um eine Banane zu essen“.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Der schmale Band ist ein Wörterbuch, aber keines zum Nachschlagen, sondern ein Raritätenkästchen, das Vokabeln, nicht mehr als fünfzig insgesamt, aus vielen Sprachen versammelt, die nicht übersetzbar sind – jedenfalls nicht mit einem Wort, sondern nur mit – siehe oben! – einer ausführlichen Umschreibung. Wörter, die auf ihrer Eigenheit, ja Einzigartigkeit bestehen und sich nicht so ohne weiteres übernehmen, einnehmen, vereinnahmen lassen: Originale, die über die Grenze der eigenen Sprache blicken lassen und damit manchmal auch der bekannten Welt.

          Oder andere Sichtweisen auf die Wirklichkeit eröffnen: „Komorebi“ nennen die Japaner „das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert“, „Boketto“ das „ziellos in die Ferne schauen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken“, „Gurfa“ die Araber „die Menge Wasser, die man in einer Hand halten kann“. „Hanyauku“ bedeutet in Rukwangali, einer kleinen, in Namibia gesprochenen Sprache, „auf Zehenspitzen über heißen Sand laufen“, „Poronkusema“ im Finnischen „die Entfernung, die ein Rentier bequem zurücklegen kann, bevor es eine Pause braucht“, und „Iktsuarpok“ sagt man auf Inuktitut, einem ostkanadischen Inuit-Dialekt, „wenn man immer wieder hinausläuft, um nachzusehen, ob jemand vorbeikommt“.

          Fünf Vertreter aus dem Deutschen

          Manche Wörter, in der Mehrzahl Substantive, sind an fremde Kulturkreise gebunden, andere haben Potential, adoptiert und integriert zu werden: „Uitwaaien“, wörtlich: „auswehen“, meint auf Niederländisch „eine Pause machen, um den Kopf freizubekommen“; „Cotisuelto“ wird im karibischen Spanisch ein Mann genannt, „der sich weigert, das Hemd in die Hose zu stecken“; „Cafuné“ sagt man im brasilianischen Portugiesisch für „mit den Fingern zärtlich durch das Haar eines geliebten Menschen streichen“.

          Nur wenige der Wörter dieser kleinen Anthologie dürften dem Leser vertraut sein: am ehesten die französische Farbe „Feuille-morte“, das italienische „commuovere“ (vollkommen ergriffen sein) oder das portugiesische „saudade“, zu dem er erfährt, dass es im Walisischen mit „Hiraeth“ einen sinnverwandten Begriff für „eine nostalgische Sehnsucht nach jemandem oder etwas Geliebtem und Verlorenem“ gibt. Vokabeln aus dem Englischen sind keine darunter, dafür sind Sprachen wie Tulu oder Wagiman vertreten, deren Existenz wenig bekannt oder gefährdet ist. Fünf unübersetzbare deutsche Komposita finden sich im Anhang: „Kummerspeck“, „Warmduscher“, „Drachenfutter“, „Kabelsalat“, „Waldeinsamkeit“. Die einzelnen Wörter stehen für sich, die Erläuterungen bleiben knapp. Stattdessen gibt die junge Autorin ihnen mit leichter Feder eigenwillige und mitunter etwas naheliegende Bilderbuchillustrationen mit. Das lässt Fragen zum Kontext offen – und beflügelt die Phantasie. Das etwas andere Poesiealbum lädt dazu ein, in der Sprache so durch die Welt zu reisen, dass „das Erlebnis an sich wichtiger ist als das Ziel“. Im Spanischen gibt es einen Ausdruck dafür: „Vacilando“.

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