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Elke Dubbels: Figuren des Messianischen in Schriften deutsch-jüdischer Intellektueller ... : Als es modern war, im Drüben zu fischen

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Setzte sich wie andere jüdische Intellektuelle mit dem Messianischen auseinander: Gershom Scholem Bild: EMKA/Hebrew University of Jerusalem

Arbeiten am Mythos, um mit der Moderne klarzukommen: Elke Dubbels geht dem jüdischen Messianismus im zwanzigsten Jahrhundert nach - und hört seinen Ton bis heute.

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          Zu Beginn der Weimarer Republik wurde in der Philosophie ein messianischer Ton hörbar. Deutsch-jüdische Intellektuelle wie Walter Benjamin, Ernst Bloch, Martin Buber, Gustav Landauer, Franz Rosenzweig und Gershom Scholem setzten sich emphatisch und zum Teil empathisch mit dem jüdischen Messianismus auseinander. Dieser Rekurs auf theologische Diskurse ist angesichts des gleichzeitigen Entzauberungs- und Säkularisierungsbefundes Max Webers erklärungsbedürftig. Zumal mit Benjamin, Bloch und Landauer Sympathisanten des Kommunismus sich für den jüdischen Messianismus interessierten - Intellektuelle, die man in der Tradition von Marx’ Religionskritik vermuten würde.

          Elke Dubbels ist in ihrer Dissertation „Figuren des Messianischen in Schriften deutsch-jüdischer Intellektueller 1900 bis 1933“ diesem Ton nachgegangen. In ihrer beeindruckend gelehrten, gut zu lesenden und umsichtigen literaturwissenschaftlichen Studie argumentiert sie, dass der Messianismus einer Phase der Säkularisierung zuzurechnen sei, in der nicht einfach religiöse Konzepte und Funktionen in die profane Welt übernommen worden seien, sondern der Rückgriff aus dem Abstand zur religiösen Tradition heraus erfolgt sei. Dementsprechend „glaubten“ diese jüdischen Intellektuellen nicht an den Messias, sondern die „Figuren des Messianischen“, die sie bemühten und theoretisch verarbeiteten, hatten zwei Funktionen. Sie dienten nach Dubbels als Reflexionsfiguren im innerjüdischen und jüdisch-christlichen Identitätsdiskurs. Andererseits wurden Figuren in drei Theoriefeldern produktiv gemacht, die über die Grenzen jüdischen Identitätssuchens hinausgingen: im Bereich des Sprachdenkens, des theologisch-politischen Diskurses und in der Geschichtsphilosophie.

          Das Messianische als Reflexionsfigur

          Dabei säkularisierten die Autoren den jüdischen Messianismus auf die eine oder andere Weise, so dass aus dem Messias etwas Messianisches wurde. Der Messianismus wurde dann entweder als universale Menschheitsidee interpretiert oder sozialistisch ausgelegt oder mit dem Zionismus verbunden. Oft gingen auch zwei der drei Interpretationen miteinander Verbindungen ein. Dubbels schreibt mit ihrer Prämisse somit keine Substanzgeschichte des Messianischen, sie bevorzugt eine Funktionsgeschichte: Indem sich jüdische Denker bei ihrem Votum für den Universalismus oder Sozialismus oder Zionismus auf den jüdischen Messianismus beriefen, konnten sie sich selbst als Juden identifizieren, selbst wenn sie nicht in die Synagoge gingen. Das ist einleuchtend, zumal wenn man den wachsenden Antisemitismus in Weimar bedenkt. Die „jüdische Renaissance“ (Martin Buber) und der jüdische Messianismus erfolgten also offenbar im Modus einer Dialektik von Restauration und Innovation.

          Man kann somit die Denkfigur des Messianischen als Ringen von Intellektuellen mit der sich durchsetzenden Moderne und ihren Krisen begreifen. Alle arbeiten am Mythos, um mit der Moderne klarzukommen. Das Messianische dient dabei als Reflexionsfigur über das Verhältnis von Säkularität und Sakralität. Dubbels rekonstruiert, wie das bei den Einzelnen funktioniert, bei Landauer und Bloch symbolisch, bei Buber zwischen Metapher und Symbol schwankend, bei Benjamin als dialektisches Bild und bei Scholem durch einen Messianismus der Inversion. Die Autorin typologisiert die jüdischen Messianismen nach rhetorischen Gesichtspunkten. Sie bleibt im Wesentlichen textimmanent und konzentriert sich auf das Feld der Philosophie.

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