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Eliot Weinberger: „Orangen! Erdnüsse!“ : Mit einem heißen Kleiderbügel

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Scharf, aber nicht verbissen: Die Essays des amerikanischen Publizisten Eliot Weinberger.

          3 Min.

          Eliot Weinberger weiß eine Menge über die Welt. Das zeigen seine Essays. Einer von ihnen handelt von den Nacktmullen. Bei einer Lesung in Köln sagte der Amerikaner unlängst, dass er sich die Popularität dieses Textes nicht recht erklären könne. Gerade in Deutschland sei dieser Essay über die Tiere mit den feinen Ohren und den kleinen Augen, die den Krieg über ihren Köpfen hören und nicht sehen, besonders beliebt. Sechzehn Texte jüngeren Datums sind nun erstmals gemeinsam in Buchform in deutscher Sprache verfügbar.

          Ähnliches Potential wie „Naked Mole-Rats“ von 1995 hat Weinbergers Besprechung von George W. Bushs Buch "Decision Points". Eine Auftragsarbeit, die Weinbergers Verwunderung über die Dinge, wie sie sind, unweigerlich auf den Leser überträgt. Das Bild zu Beginn des Textes prägt sich ein. Der Politikersohn Bush brandmarkt in Yale Kommilitonen mit einem heißen Kleiderbügel, und derweil saß Michel Foucault „in der Societé française de philosophie und überdachte die Frage: ,Was ist ein Autor?’ “ Gut, denkt man. An verschiedenen Orten kann man etwa zur gleichen Zeit eben auf verschiedenen Wegen glücklich werden. Nun trägt Weinberger Foucaults Fragen an Bushs „Decision Points“ heran. „Wer hat eigentlich gesprochen? Ist das auch er und kein anderer? Mit welcher Authentizität oder welcher Originalität? Und was hat er vom Tiefsten seiner selbst in seiner Rede ausgedrückt?“

          Eine neue textliche Ebene

          Obwohl „Decision Points“ Bushs Buch ist, hat er keinen Satz darin geschrieben. Der Text wurde von einem Kollektiv von Ghostwritern verfasst. Er stehe „in derselben Beziehung zu George W. Bush wie eine Serie von Modeaccessoires oder ein Parfüm zum Filmstar, dessen Namen sie tragen“. Die Frage, ob Bush sich dieser Beziehung bewusst ist oder überhaupt bewusst sein kann, spart Weinberger aus. Stellen muss sie sich der Leser aber doch.

          Eine neue textliche Ebene legt sich über die offizielle Version der Lebensgeschichte des ehemaligen amerikanischen Präsidenten. Eine kurze Zitatliste reicht Weinberger, um die Mischung von symbolischem Gewicht und inhaltlicher Leere der präsidialen Kommunikation zu dokumentieren. „Was zum Teufel ist los?", fragte ich. "Wir müssen herausfinden, was er weiß“, wies ich mein Team an. „Welche Optionen haben wir.“ „Verdammt richtig“ , sagte ich. „Wo zum Henker ist Ashcroft“, fragte ich. „Los", sagte ich. „Das ist der richtige Schritt.“

          Scharfe politische Analysen

          So steht Weinbergers Treffsicherheit unweigerlich der absichtlich entwerteten Sprache eines ehemaligen Präsidenten gegenüber. In den sogenannten Memoiren selbst steigert sich der von Weinberger entwickelte Gegensatz ins Absurde. Zu Beginn der Danksagungen schreiben die Ghostwriter: „Ich habe das Glück aus einer Familie von Bestseller-Autoren zu kommen. Sogar die Hunde meiner Eltern, C. Fred und Millie, haben eigene Werke verfasst.“

          Die Schärfe, die in den politischen Analysen Weinbergers liegt, gerät nicht zu Verbissenheit. Neben dem Niedergang des Politischen richtet sich sein Blick auf Übersetzungsphänomene, Fotografie, die Ethnologie, chinesische Lyrik und Kulturgeschichte. Wen schon beim Gedanken an diese thematische Bandbreite Müdigkeit überkommt, den hält Weinberger mit seinem Gespür für kuriose Übergänge wach. Zu den chinesischen T'ang weiß er zu berichten: Sie „erfanden den Buchdruck, denn die Buddhisten glaubten, dass man sich mit der endlosen Wiederholung oder Reproduktion der heiligen Texte karmische Verdienste erwarb“. Aber sie erfanden auch „das Toilettenpapier, welches die fremdländischen Besucher mit Abscheu betrachteten“.

          Wer das alles schon wusste, dem bleiben Weinbergers ästhetische Urteile. Im selben Essay kommt er auf eine eigenartige Tonfigur dieser chinesischen Hochkultur, die er in einer Ausstellung gesehen hat: „Eines der schönsten Objekte.“ Dann beschreibt er kurz die Fremdheit der Gestalt, ihre Gestik und bewertet beiläufig den entsprechenden Katalogtext als „wenig hilfreich“. Doch darin steckt nicht nur die echte Enttäuschung des faszinierten Betrachters. Zugleich gibt Weinberger dem sympathischen Gedanken Raum, dass Unerklärlichkeit der Schönheit nicht abträglich sein muss. Das mag alles nicht neu sein, aber warum liest man Weinberger trotzdem so gern? Weil er zeigt, dass Aktualität und Bedeutung keine gegebenen Größen sind? Weil er zeigt, dass es noch immer ein Wissen gibt, dass nicht nach Indizes strukturiert ist?

          Vielleicht einfach deshalb, weil seine Essays der schönste Beweis dafür sind, dass Durchdachtes und konzis Formuliertes Ausdruck individueller Souveränität ist.

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