https://www.faz.net/-gr3-6y8rb

Eli Pariser: „Filter Bubble“ : Im Netz wartet schon der übermächtige Doppelgänger

Bild: Verlag

Wenn Suchmaschinen besser als wir selbst wissen, was wir uns wünschen sollen: Eli Pariser warnt vor dem Selbstverlust im Netz und verabschiedet den Traum vom demokratischen Vorzeigemedium.

          Auf den Verdacht, es könne etwas nicht stimmen mit dem neutralen Zugang, den die Suchmaschinen ins Internet bieten, kam Eli Pariser, als er zwei Freunde kurz nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko das Stichwort „BP“ in Googles Suchleiste eingeben ließ. Der eine von ihnen erhielt Investmenttipps für die Ölbranche, der andere Meldungen zur Naturzerstörung. Die Diagnose schien deutlich. Das Internet ist ein Weltanschauungsmedium, das seine Benutzer in lauter kleine Kosmen einspinnt. Ob man beim Stichwort Golf ein Auto, die schönsten Courts oder die arabische Ölregion zu Gesicht bekommt, bestimmt sich nach der persönlichen Suchgeschichte, die sich wie ein unsichtbares Netz über den Zugang zur Wirklichkeit wirft. Weil sie in ihrer Genese nicht zu erkennen ist, lässt sie sich nicht einfach abstreifen. Wer weiß schon, welche Dinge in der Liste ausgeblendet bleiben? Nicht einmal Googles Techniker.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Eli Pariser nennt die Verstrickung in die eigene Weltsicht „Filter Bubble“. So heißt auch sein Buch, das bei seinem Erscheinen in den Vereinigten Staaten eine heftige Debatte auslöste. Es zeigt in ungekannter Deutlichkeit und bestechender Argumentation die langsame Umformung vom selbstbestimmten Ich, mit dem uns die Utopie des Internets gelockt hat, zum fremdgesteuerten Werbemedium. Den Beginn der Ära personalisierter Weltsichten datiert Pariser auf den 4. Dezember 2009, als Google begann, persönliche Profile anzulegen und die Suchanzeigen damit abzugleichen. Der kaum merkliche Schwenk bedeutete tatsächlich einen Paradigmenwechsel.

          Die Subjektivierung ist ein Subjektverlust

          Jeder weiß heute, dass hinter der Personalisierung riesige Marketingmaschinen stehen. Man staunt höchstens noch über die Perfektion, mit der auf die immer zielgenauere Erfassung des Kunden im Dienst feinabgestimmter Werbung hingearbeitet wird. Mit dem dabei gesammelten Personenwissen sieht Pariser eine Art arithmetisches Spiegel-Ich heran- und über uns hinauswachsen. Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem hochgerechnete und selbst entwickelte Interessen nicht mehr zu unterscheiden sind. Dann kommt die Etappe, in der das Spiegel-Ich dem eigenen Urteilsvermögen überlegen wird und persönliche Entscheidungen vorwegzunehmen versucht. Dieser Führungsanspruch ist nicht reine Sciencefiction, Google arbeitet mit Hochdruck daran. Das entsprechende Projekt „vorausschauende Suche“ läuft. In der Subjektivierung, wie sie soziale Netzwerke vorantreiben, liegt in Wahrheit ein Subjektverlust.

          Eli Pariser ist nicht der Erste, der diese Gefahr erkannt hat. Der amerikanische Jurist und Regierungsbeamte Cass Sunstein hat schon vor zehn Jahren das „Daily me“ heraufbeschworen. Bei Sunstein ging es noch um die Subjektivismusfalle freier Verlinkbarkeit. Er gab seiner These einen demokratietheoretischen Akzent. Wo es nicht mehr eine Agora gebe, auf der Meinungen im politischen Austausch aufeinandertreffen, sondern jeder nur noch mit seinesgleichen redet, sei die Demokratie in ihrem Kern bedroht. Pariser denkt Sunsteins These zehn Jahre und entscheidende Entwicklungen später weiter. Der Einzelne verliert sich jetzt nicht mehr selbstverschuldet in trägem Selbstbezug, sondern wird analog zu den Konzentrationsprozessen im Netz von fremden Mächten undurchschaubar dorthin gesteuert.

          Die Personalisierung zielt nicht auf den allgemein interessierten Staatsbürger, sondern auf den selbstzufriedenen Konsumenten, dem ein starkes Ich nur eingeredet wird, um es ihm dann zu entwenden. Man weiß heute, dass es Unternehmen gibt, die nichts anderes zu tun haben, als im Netz nach Daten zu fischen und Profile zu formen, die sie anderen zur Verfügung stellen. Die Firma Axciom hat im Durchschnitt 1500 Informationen zu jeder Person in ihrer Datenbank. 96 Prozent der Amerikaner sind darin zu finden.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.