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Soziobiologie des Gewissens : Eine schrecklich fitte Familie

Ausschnitt aus dem Buchcover mit Francisco Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ Bild: Verlag

Wozu dient das Gewissen? Es ist die Moralkeule, mit der egoistische Eltern ihre Kinder für die eigene Fitness quälen, behauptet eine kühne soziobiologische Theorie.

          3 Min.

          Das Gewissen ist ein Irrläufer der Evolution. Schon Darwin stand ratlos vor diesem Wachtmeister der Moral, der im evolutionstheoretischen Gefüge nicht unterkommt. Ist es am Ende nur eine Laune der Natur, gewachsen aus dem Zusammenspiel von erwachendem Intellekt und kultureller Verfeinerung?

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit der Moral hat es die Evolutionstheorie noch relativ leicht. Altruismus kann verkappter Egoismus sein. Wer sich durchweg egoistisch verhält, wird auf Dauer wenig Freunde finden. Langfristig ist es oft profitabel, sich kooperativ zu zeigen, umso mehr, je komplexer die Gesellschaft wird und je weniger die Folgen egoistischen Handelns zu berechnen sind. Die Moral ist der Skipper auf der See des Eigennutzes. Man ist so altruistisch wie nötig und so egoistisch wie möglich. Evolutionstheoretiker nennen das die Navigatortheorie.

          Das Gewissen ist aus evolutionärer Sicht ein Störfaktor. Es bringt nur Nachteile. Wo die Navigatortheorie mit strikt opportunistischen Motiven operiert, folgt es starren Regeln, egal, ob es damit die Fitness stärkt oder schwächt. Meist tut es Letzteres. Das Gewissen straft oft und belohnt selten. Es fördert Scham und Schuld und mindert das Selbstwertgefühl. Der Gewissenstäter akzeptiert seine Strafe noch mit Stolz. Alles in allem hat das Gewissen eine ziemlich miese Fitnessbilanz. Warum ließ die Evolution das zu?

          Investitionen in Kinder

          In ihrem Buch „Evolution des Gewissens“ suchen Renate und Eckart Voland, sie Psychologin, er Soziobiologe, nach den vergessenen Gründe der Gewissensgenese und finden die Antwort im Kreis der Familie, genauer: dem Eltern-Kind-Konflikt, wo halb naturalistisch, halb freudianisch zu erfahren ist, wozu das Gewissen einmal gut war und bis heute ist.

          Die in knochenhartem Ökonomiejargon verfassten soziobiologischen Planspiele über familiäre Investments, Netto-Fitnesseinbußen durch Kinderaufzucht oder Selbstmordattentate als lohnendes Langzeitinvestment in die Erblinie sind nichts für zarte Gemüter, entfalten aber doch einen schrägen Reiz. Aus naturalistischer Sicht verhält es sich mit dem Gewissen so: Der Homo sapiens schlug den evolutionären Sonderweg der kooperativen Fortpflanzungsgemeinschaften ein. Will heißen: Man kümmert sich gemeinsam um den Nachwuchs. Kinder verursachen Stress und mindern die Fitness. Damit sie zur lohnenden Anschaffung werden, müssen sie zur Mithilfe verpflichtet werden, wovon sie selbst wenig Nutzen haben.

          Hier hat das Gewissen seinen Auftritt: Es ist die Keule, mit der die Eltern ihre Kinder in moralischer Haft und in der für sie unvorteilhaften Helferrolle halten. Eltern, die nur an der Weitergabe ihres eigenen Erbmaterials, vulgo ihrer Fitness, interessiert sind, ziehen es früh als internalisierten Zwang heran. Der Arm der Familie reicht weit. Wie Studien nahe legen, entsteht das Gewissen sehr früh in der Eltern-Kind-Beziehung, und es quält die Nachkommen ein Leben lang.

          Die Familie als Kosten-Nutzen-Rechnung

          Zum Familienbild der Autoren lässt sich sagen: Hier möchte man nicht geboren sein. Wer sich Familie als geschützten Raum vorstellt, an dem man im Durchschnitt etwas rücksichtsvoller miteinander umgeht, wird unsanft geweckt. Das Zusammenleben ist hier eine nackte Kosten-Nutzen-Rechnung, die unter dem Primat erfolgreichen Gentransfers steht. Und der Kampf aller gegen alle wird perfide geführt. Liebe und Fürsorge, schreiben die Autoren, sind faktisch Formen von Dominanz. Geborgenheit bekommt nur, wer sie später vermutlich zurückzahlen kann. Im Fachjargon heißt dies differentielles Elterninvestment. Eltern bevorzugen gezielt die Kinder, die bessere Aussichten für die Reproduktion des eigenen Genmaterials versprechen.

          Für die vom Gewissen erzwungene Selbstbescheidung zugunsten genetisch hoffnungsvollerer Verwandter bringen die Autoren manches Beispiel: aus dem heutigen Indien, aus dem Spanien des 17. Jahrhunderts, aus dem Tierreich. Oft reicht für die Erklärung des beschriebenen Phänomens schon der soziologische Verweis auf sexuelle Ungleichheit, ökonomische Rückständigkeit oder das Erbrecht. Zumindest im Sinn ihres eigenen Theoriedesigns wäre das den Autoren als mangelnde Ökonomie vorzuhalten. Es ist auch kein Zufall, dass sie ihre Belege vornehmlich in archaischen, rural geprägten oder Tiergesellschaften finden - und so gut wie nie in der modernen, individualisierten Zivilisation. Dass Kultur sich entwickelt und vom Absolutismus der Wirklichkeit emanzipiert, bleibt ein ferner Gedanke. Erklärbar wird andererseits, warum das Gewissen ausschließlich negativ erfahren wird. Es dient dem Erfolg anderer, belastet aber das eigene Konto.

          Am Schuld-und-Scham-Pranger

          Dass sie kontraintuitiv sind, ist gegen diese Thesen noch kein Einwand. Ist es ja gerade das Ziel der Autoren, die Instinktquellen der täuschungsanfälligen Alltagsmoral freizulegen. Dass Moral jedoch ohne jeden Vernunftbeitrag rein affektiv reguliert wird, bleibt eine schlichte Behauptung, genauso unausgeführt wie die schlecht sitzende Metapher von der Kultur als einem anderen Gewand der Natur.

          Beides stellt die Weichen für die abschüssige Umdeutung des Gewissens zu einem reinen Schuld-und-Scham-Pranger. Das beruhigende Gefühl, sich im sozialen Kontakt auf eine Gewissensethik und nicht nur auf eine Mechanik des Instinkts beziehen zu können oder auf die implizite „Belohnung“ durch ein gutes Gewissen, spielt keine Rolle. Bei der deterministischen Prägung des Gewissens in der Frühkindphase treffen sich schließlich die Dogmen von Soziobiologie und Psychoanalyse. Der Familie allen und der Gesellschaft gar keinen Einfluss auf die Gewissensbildung zuzuschreiben ist zumindest ein sehr eigenwillig gesteckter Grenzpfahl. Nach zweihundert Seiten legt man das Buch nach anfangs wachsendem Interesse doch etwas ermüdet beiseite.

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