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Emanuel-Lasker-Biographie : Am Brett braucht es auch das Gespür

Emanuel Lasker posiert für den Fotografen Frank Eugene, allerdings gebeugt über die Figuren des gerade unterlegenen Siegbert Tarrasch, um 1906/07 Bild: Exzelsior Verlag

Rechnen ist eben nicht alles im Schach: Eine monumentale Biographie des deutschen Weltmeisters Emanuel Lasker liegt nun vollständig vor.

          5 Min.

          Ein unvergleichliches Projekt der intellektuellen Biographik und Schachgeschichte ist abgeschlossen. Richard Forster, Michael Negele und Raj Tischbierek legen in englischer Sprache den dritten Band ihrer Monographie zum bislang einzigen deutschen Schachweltmeister, Emanuel Lasker, vor. Lasker wurde 1896 Champion, verteidigte seinen Titel 27 Jahre lang, was bis heute ein Rekord ist, und starb 1941 in New York.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Das klingt wie ein spezielles Leben, das vor allem sporthistorisches Interesse auf sich ziehen kann. Wer die insgesamt 1400 Seiten liest oder auch nur durchblättert, um bei einzelnen Kapiteln zu verweilen, wird das anders sehen. Denn es tritt uns hier eine Biographie entgegen, die ein ganzes Jahrhundert aufschließt. Mehr als zwanzig Autoren haben buchstäblich jeden Aspekt von Laskers Leben erörtert und jeden Qua­dratzentimeter dieses Terrains umgegraben.

          1868 in Berlinchen östlich der Oder als Sohn eines jüdischen Kantors geboren, war Emanuel Lasker nicht nur ein überragender Schachspieler, sondern auch ein promovierter Mathematiker von Rang, was im „Lasker-Noether-Theorem“ über die Zerlegung von algebraischen Ringen dokumentiert ist. Er wurde schnell Berufsspieler und bewirtschaftete auf einzigartige Weise seine kombinatorische Intelligenz. Neben Schach spielte und schrieb er über Go, Bridge, Poker und andere Kartenspiele, er erfand ein eigenes Brettspiel, „Lasca“, veröffentlichte philosophische Werke und ein Buch zur Psychologie der Spiele. Erste Ansätze zu einer mathematischen Spieltheorie gehen ebenfalls auf ihn zurück. Das alles wird nicht nur berichtet, sondern die Leser erhalten jeweils eine Einführung in diese Materien. Man glaubt nach der Lektüre, Bridge und die Grundzüge der höheren Algebra zu verstehen oder wenigstens zu ahnen, worum es sich handelt.

          Was verdiente damals ein Spieler wie Lasker?

          Während seiner Schulzeit in Berlin wird Lasker von den Schachcafés am Hackeschen Markt und in der Leipziger Straße angezogen. Sein älterer Bruder Berthold, der später eine bald scheiternde Ehe mit der Poetin Else Schüler einging, beherrschte die Szene, konzentrierte sich aber bald auf den Beruf als Arzt. 1890 gewann Emanuel in Breslau sein erstes großes Turnier. Es war zugleich das letzte Turnier im Deutschen Schachverband, an dem er teilnahm. Berufsspieler wurde er in England und Nordamerika, wo er dann schon 1894 den Weltmeistertitel gewann; die steilste Karriere, die in dieser Sportart jemals einer durchlief.

          „Emanuel Lasker“. Vol. 1: Struggle and Victories / Vol. 2: Choices and Changes / Vol. 3: Labors and Legacy.
          „Emanuel Lasker“. Vol. 1: Struggle and Victories / Vol. 2: Choices and Changes / Vol. 3: Labors and Legacy. : Bild: Exzelsior Verlag

          Schach wurde damals in Turnieren auf dem halben Globus, aber auch in arrangierten Zweierwettkämpfen über mehrere Partien gespielt. Diese waren von der jeweiligen Gewinnbörse abhängig, die meist von betuchten Fans aufgebracht wurde, und das galt auch für die Weltmeisterschaftskämpfe. Was verdiente damals ein Spieler wie Lasker? In heutigen Dollars 500 bis 800 für einen Simultankampf, 24 000 für den Turniersieg in New York 1924 und knapp 200 000 Dollars für das WM-Match gegen José Capablanca 1921 in Kuba, das Lasker den Titel kostete. Als reiner Berufsspieler legte er großen Wert auf eine gute Bezahlung, verhandelte viel, schrieb von seinen Turnieren Schachkolumnen für mehrere Zeitungen, die er danach zu Büchern zusammenfasste. In Berlin gründete er in seiner Wohnung eine „Schule der Verstandesspiele“, versuchte mit mäßigem Erfolg, auch im Bridge Geld zu verdienen, schrieb ein Kinderbuch und veröffentlichte Sachbücher zur Theorie der Karten- und der Brettspiele.

          Das Schachspiel war damals aus seiner Caféhaus-Epoche herausgetreten. Der romantische Drauflosstil wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch Spieler abgelöst, die den Kampf analysierten und prinzipiellen Gesichtspunkten unterstellten. Wilhelm Steinitz, der erste Weltmeister, wurde der Gesetzgeber des Schachs, Siegbert Tarrasch sein Vollzugsbeamter. Vor allem Letzterem ging es darum, in jeder Situation auf dem Brett den prinzipiell richtigen und „korrekten“ Zug zu finden.

          Schach ist, wie jedes wirkliche Spiel, keine Rechnung

          Emanuel Laskers Spiel demonstrierte jedoch, dass das Spiel aus einem Guss eine Illusion war. Eines seiner ersten Bücher hieß knapp „Kampf“. Gute Züge, das zeigte er gerade in den Begegnungen mit Steinitz und Tarrasch, sind nicht das Ergebnis von Regelanwendungen. sondern es muss zu sehr allgemeinen Überlegungen das Gespür für die konkrete Situation treten. Schach ist, wie jedes wirkliche Spiel unter Menschen, keine Rechnung. Sonst müsste ja auch gar nicht gespielt werden. Es ist komplex, lebt von der Energie der Spieler, am Ende spielt sogar in den Ausgang der Partien hinein, ob einer Zigarren raucht oder sein Gegenüber in den Vorverhandlungen provoziert hat. 1935 verliert Lasker in Moskau eine Partie, weil ihn ein Telegramm erreicht, sein Stück „Vom Menschen die Geschichte“ sei vom Theater angenommen worden. Über der Freude darüber kommt ihm für einen Augenblick die Konzentration abhanden. Auf seine Partie gegen Capablanca in New York 1924 folgen jahrelange Auseinandersetzungen mit einem Schiedsrichter, der ihm sieben Minuten Bedenkzeit, Lasker meinte sogar fünfzehn, gestohlen hatte.

          Die Biographie enthält jede Menge exzellenter Kommentare zu Laskers Partien, in die ältere Analysen wie die von John Nunn und Robert Hübner eingegangen sind. Seine großen Gegner – Akiba Rubinstein, Frank Marshall und Savielly Tartakower beispielsweise – werden vorgestellt. Herbert Bastian hat einen glänzenden Aufsatz über Lasker als Schachlehrer geschrieben, und Mihail Marin, einer der besten lebenden Schachautoren, erörtert in jedem Band ebenfalls mittels Partieanalysen jeweils eine Epoche von Laskers schachlicher Entwicklung. Noch mit 67 Jahren wird Lasker in Moskau Dritter hinter dem vierundzwanzigjährigen Botwinnik und dem siebenundzwanzigjährigen Flohr. Noch in seinem letzten Turnier überrollt er 1936 den zwanzig Jahre jüngeren zweimaligen WM-Finalisten Bogoljubow in einem nervenaufreibenden Kampf. Zusammen mit den Kapiteln über Lasker als Komponist von Schachproblemen hilft die Monographie also auch den Lesern, danach besser zu spielen oder wenigstens mehr über das Geschehen auf dem Brett zu wissen.

          Und über Laskers Zeit. Ulrich Sieg hat ein Kapitel über Lasker und das Judentum beigesteuert, dem er, ungläubig zwar, stets verpflichtet blieb. Den hohen Anteil jüdischer Spieler am Spitzenschach brachte er mit ihrer besonderen Fähigkeit zusammen, sich zu verteidigen. Im Ersten Weltkrieg verfasste er patriotische Traktate und verlor große Teile seines in Kriegsanleihen angelegten Vermögens. Außerdem versuchte er sich in Philosophie – Hauptwerk: „Die Philosophie des Unvollendbaren“ von 1919 –, war auf Einladung Paul Natorps Mitglied der Kant-Gesellschaft, hielt Vorträge über Schopenhauer, über den ästhetischen Eindruck mathematischer Sätze und über Weltbejahung, kritisierte die Relativitätstheorie seines guten Bekannten Einstein und die Quantenphysik. Diese Früchte des Universaldilettantismus betrachtet man heute mit Erstaunen darüber, wofür sich ein Profisportler damals interessierte und wofür alles er Zeit fand.

          Zuletzt noch ein Wort über die fabelhafte Ausstattung der Bände mit gutem Papier, einem Satzspiegel, der zu Randnotizen einlädt, sowie Hunderten von historischen Fotografien, Zeichnungen und Dokumenten. Darauf sehen wir Prokof­jew beim Schach, Laskers Abiturzeugnis (Turnen „noch nicht genügend“), Porträts aller damaligen Schachspieler von Rang, Karikaturen aus dem „Simplizissimus“ („Spiel?!?! Das Schach ist eine Kunst!! Größer als alle Künste, die bisher nur überschätzt worden sind …“), Plakate, auf denen seine Veranstaltungen angekündigt wurden, und immer wieder Lasker, der ständig fotografiert worden ist. Jeder, der Schach ernst nimmt, wird sich durch diese Bücher beschenkt und bereichert fühlen.

          „Emanuel Lasker“. Vol. 1: Struggle and Victories / Vol. 2: Choices and Changes / Vol. 3: Labors and Legacy. Hrsg. von R. Forster, M. Negele und R. Tischbierek. Exzelsior Verlag, Berlin 2022. 464 / 464 / 480 S., Abb., geb., 55,– / 59,– / 64,– €.

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