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: Eine Kanzel für den Bankier Mellini

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Auch Carl kann keine überzeugende Lösung bieten. Sie meint, daß sich in jeder Skulptur die Arbeit von zwei Künstlern durchdringt. Diese Mischung der Stile erklärt sie dadurch, daß Rossellino sämtliche Figuren abbozziert zurückgelassen und Benedetto sie fertiggestellt habe. Dabei zerlegt sie den bekrönenden Madonnentondo in Ringe: Die Engel und der Früchtekranz seien von Rossellino angelegt worden, während die Madonna mit dem Kind ein Werk Benedettos aus den achtziger Jahren sei. Zehn Jahre später habe der Künstler die Cherubim, die die Madonna umgeben, hinzugefügt. Daraus folge, daß Benedetto zwischen 1481 und 1491 an dem Grabmal tätig war. Die Fotografien sprechen eine andere Sprache. Die Figuren des Grabmals hat Benedetto geschaffen. Sie sind Ausdruck seines Spätstils mit schmaleren Gesichtern. Offenkundig ist die Anlehnung an Rossellino, vielleicht auch, weil es der Auftraggeber wünschte. Wilhelm Bode hat 1884 zu Recht vermutet, daß Rossellino nur den Entwurf zeichnete.

Die hohe Qualität verbindet das Grabmal mit weiteren gesicherten Werken des Künstlers. Dazu zählen das Grabmal und die Porträtbüsten für seinen Gönner Filippo Strozzi, die Portale der Sala dei Gigli und der Udienza im Palazzo Vecchio und der Madonnentondo der Prepositura von Scarperia. Die Entwicklung zu dieser Meisterschaft versucht Carl durch Madonnen in Siena, Washington und in Paris zu erklären, die schon lange durch die Literatur geistern, einem kritischen Vergleich aber nicht standhalten. Überzeugend ist Carls Untersuchung zur Kanzel in Santa Croce in Florenz, einem Hauptwerk Benedettos, das schon Vasari bewunderte.

Die Kanzel schuf der Bildhauer für den Bankier Pietro Mellini, den er 1474 in einem ausdrucksstarken Altersporträt festhielt. Da Mellini damals hochbetagt war, wurde die Kanzel in die siebziger Jahre datiert. Doch Mellini starb erst 1485. Zwei Jahre später erwähnt eine Notariatsakte, daß die Kanzel "in situ" sei. Da das letzte Relief des Franziskuszyklus der Kanzel das Martyrium der fünf franziskanischen Protomärtyrer in Marrakesch zeigt, eine Szene, die erst durch deren Heiligsprechung 1481 kanonisiert worden war, kann Benedetto seine Arbeit nicht vor diesem Jahr begonnen haben. Benedetto reichte Mellini sechs Terrakottamodelle als Entwürfe für die Reliefs ein, obwohl die Kanzel nur als Fünfeck geplant war. Der "Traum Innozenz III." wurde verworfen und die aktuelle Märtyrerszene statt dessen ausgewählt, die Benedetto offensichtlich als letzte modelliert hatte. Erst als das Programm feststand, konnte der Bildhauer mit der Ausführung beginnen. Mellini ließ sich unter der Kanzel begraben.

Wer beruhigt die Mönche?

Nicht nur Benedetto, wie seit Vasari bekannt, sondern auch Giuliano muß an diesem Auftrag beteiligt gewesen sein. Offensichtlich zeichnete er verantwortlich für die gewagte Statik der Kanzel, die freischwebend an einem Pfeiler des Langhauses hängt. Die Treppe verlegte Giuliano in den Pfeiler. Dessen Aushöhlung stieß auf Widerstand, da die Mönche den Einsturz der Kirche befürchteten. Erst als der reiche Mellini garantierte, für jeden Schaden aufzukommen, willigten sie ein.

Das harmonische Zusammenspiel zwischen Kanzelkörper und Reliefs, das keine Stütze stört, zeugt von höchstem Können. Es verwundert deshalb nicht, daß Benedetto mit den letzten beiden Skulpturen, die er unvollendet hinterließ, wegweisend für die Skulptur des Cinquecento wurde. Die Madonna der Misericordia-Bruderschaft in Florenz, die durch Domenico Lorenzi 1575 fertiggestellt wurde, beeinflußte monumentale Einzelfiguren wie Michelangelos Madonna in Brügge. Noch deutlicher sind die Bezüge zwischen Benedettos "Heiligem Sebastian", der im abbozzierten Zustand blieb, und Michelangelos Sklaven im Louvre. Das unfreiwillig Unvollendete von Benedettos Skulptur hat Michelangelo zum "nonfinito" gewandelt, das bezeichnend für seine Plastiken werden sollte. Ob er ein Schüler Benedettos war, ist ungeklärt.

BETTINA ERCHE

Doris Carl: "Benedetto da Maiano". Ein Florentiner Bildhauer an der Schwelle zur Hochrenaissance. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2006. Textband mit 607 S., Katalogband mit 305 Abb., geb., 149,- [Euro].

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