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Die Geschichte Burgunds : Ein Haufen Provinzen unter einem goldenen Hut

Jean Wauquelin überreicht Herzog Philipp dem Guten seine Übersetzung der Hennegau-Chronik: Buchminiatur von Rogier van der Weyden aus dem Jahr 1447 Bild: Foto Bibliothèque royale de Belgique

Pomp und Prunk waren in Burgund keine Verschwendung, sondern wirksame Mittel der Politik: Bart Van Loo erzählt die bewegte Geschichte des spätmittelalterlichen Herzogtums und seiner Herrscher.

          4 Min.

          Die Stadt Brügge ist der touristische Hotspot Belgiens, aber so überfüllt wie bei der Hochzeitsfeier Philipps des Guten und seiner Gemahlin Isabella von Portugal am 8. Januar 1430 dürfte sie heute selbst an heißen Sommertagen nicht mehr sein. Zeitgenössische Chronisten berichten von fünftausend Gästen und hundertfünfzigtausend Zuschauern. Tribünen und Triumphbögen säumten die Straßen, mechanische Automaten sorgten für Volksbelustigung und -beköstigung. Ein hölzerner Löwe ließ Wein aus seinen Pranken strömen, ein Eichhörnchen spendete Rosenwasser, ein ausgestopftes Wildschwein schied beim Anheben seines Schwanzes frische Radieschen aus. Der Höhepunkt der entremets, der theatralischen Einlagen, die das dreitägige Festmahl begleiteten, war eine überdimensionale Blätterteigpastete, der zunächst ein Widder mit goldenen Hörnern und danach ein Riese und eine Zwergin entstiegen. Für seine neue Gattin – die letzte von dreien –, deren Porträt der Hofmaler Jan van Eyck gemalt hatte, prägte der Herzog von Burgund den Wahlspruch „Aultre n’auray“: „Keine andere werde ich haben.“ Er hielt sich mehrere Monate daran, dann kehrte er zu seinem gewohnten Triebleben zurück.

          Eine bis dahin undenkbare Pracht

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Geschichte des kurzlebigen Herzogtums Flandern-Burgund fasziniert Historiker seit Jahrhunderten, weil sich in ihr kulturelle und politische Entwicklungslinien des spätmittelalterlichen Europas auf einmalige Weise kreuzen. Durch die Belehnung Philipps von Valois, eines Sohnes von König Johann II. von Frankreich, mit dem burgundischen Herzogstitel und Philipps anschließende Heirat mit Margarete von Flandern war ein Staatsgebilde entstanden, das die wichtigsten Handelszentren Westeuropas mit den feudalen Traditionen des französischen Rittertums und den religiösen Zentren von Cluny und Citeaux verband. Trotz der Spannungen zwischen gutsherrlichem Adel und städtischem Bürgertum, die sich in Aufständen und Schlachten wie dem Gemetzel bei Roosebeke im Jahr 1382 entluden, gelang es Philipp und seinen Nachfolgern, ihre Herrschaft zu konsolidieren und ihren Kernlanden weitere Gebiete wie Brabant (mit Brüssel), Holland, Seeland und Luxemburg hinzuzufügen.

          Bart Van Loo: „Burgund“. Das verschwundene Reich. Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. C. H. Beck Verlag, München 2020. 656 S., Abb., 32,– €.

          Philipps Enkel, der oben erwähnte Philipp der Gute, und dessen Nachfolger Karl der Kühne waren die reichsten Fürsten ihrer Zeit. Die Steuereinnahmen aus den flandrischen und brabantischen Städten, in denen die Warenströme des Nord- und Ostseehandels zusammenliefen, ermöglichten ihnen eine Hofhaltung, deren ästhetische Pracht bis dahin undenkbar gewesen war. Künstler wie Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und Hugo van der Goes porträtierten die Herzöge, ihre Frauen und ihre Günstlinge oder schufen, wie Claus Sluter mit seiner Werkstatt, das gewaltige Figurenprogramm der herzoglichen Grablege in der Kartause von Champmol bei Dijon. Nur das kulturelle Leben der großen norditalienischen Stadtrepubliken konnte es an Strahlkraft mit dem burgundischen Hof aufnehmen. Aber während in Italien eine Stadt die andere bekriegte, konzentrierte sich in Burgund alle politische Macht in einer Hand.

          Geschichte eines gespaltenen Schädels

          Der belgische Autor Bart Van Loo, der die Geschichte des Herzogtums und seiner Vorläufer auf knapp sechshundert Seiten erzählt, kann aus einem reichen Fundus an Quellen schöpfen, der von den Chroniken Jean Froissarts aus dem vierzehnten Jahrhundert bis zu Johan Huizingas klassischer kulturgeschichtlicher Studie über den „Herbst des Mittelalters“ von 1919 reicht. Aber während Huizingas Darstellung auch eine Auseinandersetzung mit bis dahin gültigen Theorien über die Kunst und Literatur des Spätmittelalters war, hält Van Loos Buch keinen theoretischen Bezugsrahmen bereit. Dem Autor genügt es, sein Thema von den Anfängen des Burgunderreiches unter Gundobad bis zur Einverleibung des burgundischen Erbes ins habsburgische Imperium Karls V. kundig plaudernd abzuschreiten.

          Dabei kommen ihm seine früheren Arbeiten zur Kulturgeschichte Frankreichs ebenso zugute wie sein auf Bilddetails versessener Blick. So entdeckt Van Loo auf der Brücke, die im Hintergrund von van Eycks „Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin“ von 1435 zu sehen ist, jenes Gedenkkreuz, das der französische König Karl VII. im gerade geschlossenen Friedensvertrag von Arras dem Burgunderherzog als Sühne für den Mord an dessen Vater Johann Ohnefurcht versprochen hatte. Johann war sechzehn Jahre zuvor auf der Brücke von Montereau unter Karls Augen erschlagen worden, worauf Burgund im Hundertjährigen Krieg auf die Seite Englands wechselte. Noch hundert Jahre später zeigte ein Kartäusermönch in Champmol seinem königlichen Besucher den gespaltenen Schädel Johanns mit den Worten, dies sei die Öffnung, durch welche die Engländer in Frankreich eingedrungen seien. Ohne Montereau hätte Jeanne d’Arc nie ein Pferd bestiegen, um ihr Vaterland zu retten.

          Andererseits gibt es auch Stellen, an denen Van Loo die Grenze zwischen dem Populären und dem Platten allzu deutlich überschreitet. Da regiert Philipp der Gute sein Herzogtum „mit einem einzigartigen Flair“, während der Katholizismus „lange Zeit vor allem eine Angelegenheit von Priestern und Mönchen“ ist. Auch darf der übliche Hinweis nicht fehlen, dass die Geschichte ohne dieses oder jenes Ereignis „ganz anders verlaufen“ wäre. Ein aufmerksamer Lektor hätte hier einiges ausbügeln können, war aber offenbar nicht zur Hand.

          Am klügsten ist dieses Buch immer dann, wenn es die Beschreibung des burgundischen Gepränges dazu nutzt, dessen politische Logik zu entfalten. Der äußere Pomp war für die Herzöge aus dem Haus Valois ein wirksames Herrschaftsinstrument. Nur drei Tage nachdem der Widder beim Hochzeitsfest in Brügge aus der Pastete gesprungen war, begründete Philipp der Gute den Orden vom Goldenen Vlies, dessen Wahrzeichen, ein Widderfell, noch Napoleon, Zar Alexander, die britische Queen, König Hussein von Jordanien und der französische Staatspräsident Sarkozy um den Hals getragen haben. Durch die Einrichtung zentraler Finanzkammern und Gerichte und die Nobilitierung städtischer Eliten gelang es Philipp, sein Regime in den südlichen Niederlanden dauerhaft zu befestigen. In den nördlichen Provinzen, die weniger stark am Seehandel teilhatten als Brügge und Gent, blieb der burgundische Einfluss dagegen ein Oberflächenphänomen. Der Keim zu der Spaltung, die im niederländischen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien aufbrach und die sich heute in den Staatsgrenzen von Holland und Belgien manifestiert, wurde unter dem Banner Burgunds gelegt.

          Von all dem hätten wir eine klarere, sinnlichere Vorstellung, wenn nicht der letzte Burgunderherzog Karl der Kühne seinen Staatsschatz 1476 bei Grandson an ein Schweizer Bürger- und Bauernheer verloren hätte. Der kleinere Teil der sogenannten Burgunderbeute ist heute noch in eidgenössischen Museen zu besichtigen, der größere, darunter Karls mit Perlen, Rubinen und Diamanten besetzter Hut, verschwand im Dunkel der Geschichte. Allein vom Verkaufserlös des Hutes konnte die Stadt Basel damals ihre Schulden begleichen. So diente der Prunk, bevor er verging, einem letzten guten Zweck. Die Pflege erbeuteten Kulturguts, wie wir sie kennen, ist eine Erfindung der Neuzeit. Auch das lernt man aus diesem gedankenarmen und episodenreichen Buch.

          Bart Van Loo: „Burgund“. Das verschwundene Reich. Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. C. H. Beck Verlag, München 2020. 656 S., Abb., 32,– €.

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