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: Ein Weltreich regiert man nur als Clique

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Seit Mommsen in seiner römischen Geschichte den Politiker Cicero mit nur sechs Worten als "Mann ohne Einsicht, Ansicht und Absicht" erledigte, hat es nicht an Versuchen gefehlt, ihn zu rehabilitieren. Cicero war gescheitert, aber das waren seine Freunde und Gegner auch: Pompeius, Caesar, Crassus, um nur die wichtigsten zu nennen.

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          Seit Mommsen in seiner römischen Geschichte den Politiker Cicero mit nur sechs Worten als "Mann ohne Einsicht, Ansicht und Absicht" erledigte, hat es nicht an Versuchen gefehlt, ihn zu rehabilitieren. Cicero war gescheitert, aber das waren seine Freunde und Gegner auch: Pompeius, Caesar, Crassus, um nur die wichtigsten zu nennen. Ciceros Problem vor der Nachwelt ist das Wie seines politischen Versagens. Catilina scheiterte mit Konsequenz, und genau diese fehlt Cicero, der, um nochmals Mommsen zu zitieren, "bald mit den Demokraten, bald mit Pompeius, bald aus etwas weiterer Ferne mit der Aristokratie liebäugelte".

          Die Althistorie hat ihre zaghaften Versuche, den politischen "Achselträger" zu entlasten, bald eingestellt, wo nicht, mißglückten sie völlig. Seit mehr als zweitausend Jahren, seit Octavian, der spätere Augustus, den Sohn des von ihm und Antonius Ermordeten zum Konsul machte, wird Cicero nun rehabilitiert. Der Politiker Cicero aber kann nicht rehabilitiert werden, der Mensch und Literat braucht es nicht. Wenn Cicero geschützt werden muß, dann mehr vor seinen Verteidigern als vor seinen Gegnern.

          Eine neue Cicero-Biographie bedarf dennoch keiner Rechtfertigung. Cicero hat so viele Seiten, daß es immer andere zu entdecken gibt. Über keinen Menschen der Antike wissen wir mehr als über ihn. Gelegentlich läßt sich sein (politisches) Leben von Tag zu Tag dokumentieren. Das erhaltene Brief-Corpus umfaßt etwa 780 Briefe von Cicero und ungefähr neunzig an ihn. Dazu kommen neunzehn philosophische, rhetorische und staatspolitische Schriften sowie achtundfünfzig Reden. Auf dieser literarischen Vielseitigkeit, auf einem Werk, dessen Teile einander ergänzen, aber auch selbständig bestehen, beruht seine einzigartige Wirkungsgeschichte. Cicero ist - in absteigender Linie - Redner, Briefschreiber, Philosoph, Politiker und Feldherr. Das junge Christentum kaprizierte sich auf den Philosophen, namentlich den Moralphilosophen, die Renaissance entdeckte mit den Briefen den Menschen Cicero, die Aufklärung den Skeptiker, die Französische Revolution schätzte den Redner und Verfasser politischer Schriften.

          Über den Politiker ist alles gesagt, über den Militär, der für die Eroberung eines kilikischen Bergdorfes einen Triumphzug forderte, kann man schweigen. Der Philosoph, der griechisches Denken vermittelte, hat seit dem Mittelalter seinen Rang verloren, derjenige des Redners ist seit Catilina unbestritten. So bleibt vor allem der Briefschreiber, den Petrarca wiederentdeckte und den seitdem Dichter, Historiker und Politiker rühmten. Es gibt keinen zweiten Staatsmann der Antike, der so witzig, pointiert, treffend urteilen kann wie Cicero. Daß die Kehrseite des scharfen Witzes Larmoyanz ist, trübt das Bild des Menschen Cicero nicht, sondern komplettiert es.

          Der Publizist Anthony Everitt verspricht die bekannte Rehabilitation und ein Lebensbild auf der Basis der "Briefe, Reden und Schriften" des Porträtierten. Der Verlag kündigt darüber hinaus eine Alltagsgeschichte an. Die Meßlatte liegt damit so hoch, daß der Autor bequem unter ihr durchschreiten kann. Sein Resümee des Politikers bietet nur einen verballhornten Hegel, wonach Cicero den Zustand des Verderbens der Republik immer in die Individuen und ihre Leidenschaften setze, und knüpft damit nahtlos dort an, wo die moderne Cicero-Kritik vor Mommsen begann. Selbst wer nur einige wenige Neubewertungen erhofft, wird enttäuscht. Das Buch bündelt die Allgemeinplätze, Urteile und Meinungen über Cicero, die man schon lange kennt. Neu ist nicht einmal die Verve, mit der sie vorgetragen werden. Everitt schreibt ein konventionelles Lebensbild, in welchem der Held das darf, was ihm die Wissenschaft verweigert, nämlich nach getaner Arbeit auch einmal ein Bier trinken.

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