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: Ein Weltreich regiert man nur als Clique

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Der Autor hat sein Buch chronologisch gegliedert, vom Januar 106 bis zum November 43, und greift auch hier zu kurz. Cicero wurde am 7. Dezember ermordet. Nicht zufällig entspricht Everitts Einteilung dem Schema der epochalen Biographie von Matthias Gelzer, gelegentlich ein, zwei Kapitel zusammenfassend, gelegentlich eines teilend. Der Literat Cicero erhält darüber hinaus zwei eigene kleine Kapitel, doch der Autor kann wenig damit anfangen. Über Inhaltsangaben, die sich wie Zusammenfassungen aus Literaturgeschichten lesen, kommt er nicht hinaus.

Das Buch ist aus einigen wenigen modernen Werken, namentlich Gelzer, zusammengestellt, die Quellen bilden entgegen der Ankündigung nur den Zierat. Ein Biograph ist, wie Peter Hacks bemerkt, ein Mensch, der von einem anderen Biographen abschreibt. Für einen Verfasser von Sekundärliteratur hat Sekundärliteratur immer mehr Quellenwert als die Quelle selbst. Ciceros Brief-Corpus mit seiner Fülle von Code-, Spitz-, Vor- und Beinamen kann verwirren. So hilft sich der Autor damit, nicht in jedem Fall auf der Identifizierung seines Personals zu beharren. Er hätte natürlich auch in die Indizes sehen oder eine Biographie über Robinson Crusoe schreiben können.

"Menschen wie du und ich" möchte Everitt in seiner Biographie zeigen. Solche kommen aber in der Ciceronischen Korrespondenz kaum vor. Cicero und seine Familiares zählten zum engsten Kreis derer, die ein Weltreich regierten. Der versprochene Alltag beschränkt sich also auf den der Elite, aber nicht einmal diesen kann Cicero wirklich erhellen. Warum sollte er seine Briefpartner mit dem langweilen, was sie bestens kannten? Gelegentlich teilt er seinem Bruder Quintus Geburten oder Krankheiten mit, bespricht mit dem Schwager Atticus finanzielle Transaktionen. In erster Linie aber redet er über Politik. Erfahren können wir etwas über sein Denken und (das ist singulär) sein Fühlen. Wo wir bei Caesar nur das verknappte Ergebnis haben, sehen wir bei Cicero den gedanklichen Prozeß.

Das Buch liest sich flüssig, doch verfehlt der Übersetzer nicht selten den genauen Fachbegriff, gelegentlich übernimmt er den englischen Ausdruck oder erfindet auch einmal ein neues deutsches Wort wie "panoramatisch". Bei Briefzitaten wird auf die englische Ausgabe von Shackleton Bailey verwiesen, abgedruckt ist die deutsche Cicero-Übersetzung von Helmut Kasten.

Anthony Everitts "Cicero" ist ein Sachbuch, ebenso Matthias Gelzers "Cicero". Max Brods "Cicero" ist ein Roman. In der Rubrik Sachbuch gilt für Gelzer und Everitt derselbe Maßstab. Anders als Gelzer ist Everitt turbulent. Wer diese Seite an einem Sachbuch liebt, wird also auf seine Kosten kommen.

WOLFGANG WILL

Anthony Everitt: "Cicero". Ein turbulentes Leben. Aus dem Englischen von Kurt Neff. DuMont Verlag, Köln 2003. 454 S., geb., 34,90 [Euro].

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