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: Ein Unternehmer aus Opportunität

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Die Geschichte des deutschen Verlagswesens zur Zeit des Nationalsozialismus ist reich an weißen Stellen. 2002 ist sich der Gütersloher Medienkonzern mit der breit angelegten Studie "Bertelsmann im Dritten Reich" selbst zu Leibe gerückt - spät, aber hochseriös. Noch länger hat es im Fall des Stuttgarter ...

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          Die Geschichte des deutschen Verlagswesens zur Zeit des Nationalsozialismus ist reich an weißen Stellen. 2002 ist sich der Gütersloher Medienkonzern mit der breit angelegten Studie "Bertelsmann im Dritten Reich" selbst zu Leibe gerückt - spät, aber hochseriös. Noch länger hat es im Fall des Stuttgarter Medienhauses Holtzbrinck gedauert, dessen offizielle Firmengeschichte lange Zeit erst 1948 einzusetzen pflegte. Längst ist Holtzbrinck ein globaler Spieler, da konnte es nicht ausbleiben, dass - wie 1998 in "Vanity Fair" geschehen - Fragen nach der Vergangenheit auftauchten. Der Abdruck von Georg von Holtzbrincks NSDAP-Karteikarte rückte den deutschen Konzern insgesamt in ein schiefes Licht: Fußte der Erfolg der Stuttgarter auf einer steilen Karriere im Windschatten des Hitler-Regimes?

          Hohe Zeit, die Vorgeschichte des Hauses aufzuklären. Mittlerweile liegt das Ergebnis vor: Finanziell unterstützt, aber nicht autorisiert von der Familie und wissenschaftlich betreut vom Leipziger Buchwissenschaftler Siegfried Lokatis, hat der Journalist Thomas Garke-Rothbart den langen Marsch durch die Archive absolviert. Eine Arbeit, die am Ende aller Fußnoten ein gutes Stück davon entfernt ist, ein abschließenes Ergebnis zu liefern. Man begreift, warum der Autor seinen ursprünglichen Plan, eine Biographie Georg von Holtzbrincks zu schreiben, fallenließ - das Material reicht einfach nicht aus. So beschränkt sich die Studie auf den Zeitraum von 1930 bis 1948.

          Wer war dieser verarmte Adelige, der als viertes von fünf Kindern am 11. Mai 1909 auf Gut Schöpplenberg bei Hagen geboren wurde? Hineingeworfen in den kontinuierlichen gesellschaftlichen Niedergang seiner Familie, sei der Protestant Georg von Holtzbrinck Teil jenes Milieus gewesen, das sich als besonders anfällig für nationalsozialistisches Gedankengut gezeigt habe. Man weiß wenig über seine weltanschaulichen Prägungen. Als er zwanzig ist - die Weimarer Republik taumelt schon ihrem Ende entgegen -, beginnt er in Bonn ein Jurastudium, wechselt ein Jahr später nach Köln, wo er während der Verbotsphase 1931 Mitglied des NS-Studentenbundes wird, der gegen jüdische Studenten und Professoren hetzte. Bis heute ist unklar, welche Überlegungen ihn zu dieser Mitgliedschaft trieben. Von Holtzbrinck begründete den Schritt später mit finanziellen Rücksichten - der Studentenbund sei mit vierzig Pfennig Monatsbeitrag vergleichsweise günstig gewesen.

          Nun muss man bei der Lektüre dieses Buches den Eindruck gewinnen, dem jungen Holtzbrinck sei es tatsächlich und immerzu nur um eines gegangen: Er sei hinter dem Geld hergewesen, und dabei scheinen ihm viele Mittel und Wege recht gewesen zu sein. Weil er das Studium selbst verdienen musste, jobbte der Adelige von 1930 an als Werkstudent in Drückerkolonnen für den Union-Verlag. So erfolgreich war er in seinem "Klinkenfieber", dass man ihm schon 1933 die Vertriebsleitung für die Reihen "Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens" und "Buch für alle" überantwortete. Holtzbrinck scheint regelmäßig im vierstelligen Bereich verdient zu haben (zwei Drittel der deutschen Ärzte lagen damals unter 170 Mark im Monatseinkommen).

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