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Fremdsprachen lernen : Sein oder sein, das ist hier die Frage

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Sprachen: unterschiedliche Arten der Weltaneignung, deren Vielfalt die ganze Bandbreite des menschlichen Geistes und seiner Möglichkeiten spiegelt Bild: Dieter Rüchel

Englisch genügt nicht: Jürgen Trabant plädiert dafür, das Fremdsprachenlernen nicht auf den Aspekt der Kommunikation und die unmittelbare Nützlichkeit zu beschränken. Unterschiedliche sprachliche Strukturen prägen unterschiedliche Wahrnehmungen.

          „Mehrsprachigkeit“ ist das Zauberwort der europäischen Sprachpolitik, das viele Preisreden über die kulturelle Vielfalt des Kontinents ziert. Für Jürgen Trabant aber handelt es sich hierbei nur um ein Lippenbekenntnis, hinter dem sich das eigentliche Fernziel der politischen und ökonomischen Funktionseliten in den Staaten Europas verbirgt: die konkurrenzlose und unwiderrufliche Durchsetzung des Englischen in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen. Das Schicksal aller anderen Sprachen, einschließlich ihrer jeweiligen Muttersprachen, interessiert diese Kreise trotz des aufwendigen Übersetzungsdienstes, den sich die Europäische Union zurzeit noch leistet, in Wirklichkeit nicht.

          Als Beispiel nennt Trabant Joachim Gaucks Appell, im Zeichen der gesamteuropäischen Demokratie die „Mehrsprachigkeit“ zu fördern - indem alle noch fleißiger Englisch lernen sollen. Als emeritierter Professor für Mehrsprachigkeit an der einsprachig-anglophonen Jacobs University in Bremen dürfte Trabant diese Art von Diversitätsrhetorik gut kennen. Tatsächlich hat die Anglisierung der Kommunikation mittlerweile eine so starke Eigendynamik entwickelt, dass sie präsidialer Ermunterung schon längst nicht mehr bedarf.

          Einheitssprache als Schmiermittel

          Dies gilt vor allem in Ländern, in denen, wie in Deutschland, die Loyalität gegenüber der eigenen Muttersprache gering, der Drang, sich einen angloamerikanischen Anstrich von Weltläufigkeit zu geben, hingegen stark ist. Nun hat Trabant gar nichts gegen das Englische als globale Lingua franca. Was ihn zu seinem engagiert und schwungvoll geschriebenen Plädoyer für den Erhalt der europäischen Sprachenvielfalt getrieben hat, ist die politische Dominanz einer offenen oder verschleierten English-only-Ideologie, die alle anderen Sprachen zu geistigem Sperrmüll mit nur noch nostalgischem Wert degradiert und sie auf den Status einer intellektuell anspruchslosen Alltags- und Nachbarschaftssprache herabdrückt, die an den Diskursen der Wissenschaft, Kultur, Ökonomie und Politik auch in ihren eigenen Ländern bald keinen Anteil mehr haben wird.

          Der linguistische Terminus „Vernakularsprache“ - vom lateinischen „vernaculus“ für „heimisch“ und von „verna“ für „Haussklave“ - bringt die Machtverhältnisse auf den Begriff. In einer scharfsichtigen Analyse legt Trabant die geistesgeschichtlichen Wurzeln dieser Einsprachigkeitsideologie frei: eine ebenso alte wie machtvolle Allianz philosophischer, religiöser, ökonomischer und politischer Strömungen und Interessen, für die sprachliche Vielfalt keine Bereicherung, sondern ein zu überwindendes Übel darstellt.

          In der Bibel ist sie Gottes Strafe für den Turmbau zu Babel; in der Philosophie von Platon bis zur sprachanalytischen Schule unserer Tage gelten die Sprachen als Quellen der Unlogik und Verwirrung, die, wenn nicht abgeschafft, dann doch wenigstens radikal durchrationalisiert und vereinheitlicht werden müssen. Die Propagandisten des real existierenden Kapitalismus wie die Utopisten einer „globalen Demokratie“ wiederum setzen auf die Einheitssprache als Schmiermittel für die ungebremste Zirkulation von Gütern und Geld, Informationen und Meinungen.

          Wesentliche Merkmale menschlicher Existenz

          Und Marxisten sehen genau darin die Voraussetzung für das historische Endziel der klassenlosen Weltgesellschaft. Die historische Blaupause für die Schaffung sprachlicher Monokulturen lieferte die Französische Revolution mit ihrer Verdammung aller Dialekte und Regionalsprachen im Namen des egalisierenden Fortschritts, der selbstverständlich nicht bretonisch oder okzitanisch, sondern ausschließlich hochfranzösisch sprach. Diese jakobinisch-monolinguale Gesinnung paart sich heute mit einem „modernen“ Sprachunterricht, der allein auf „kommunikative Kompetenz“ setzt, also Sprachen nur noch als Instrumente der Informationsübermittung betrachtet und gleichzeitig ihren immensen Bildungswert ignoriert.

          Jürgen Trabant plädiert für den Fremdspracherwerb jenseits der Frage von Nützlichkeit.

          Unter dem Gesichtspunkt bloßer Nützlichkeit gibt es freilich kaum einen Grund, heutzutage außer Englisch noch irgendeine andere Sprache zu lernen. Doch gegen diese utilitaristische Beschränkheit wendet sich Trabant: Für ihn sind Sprachen dank ihrer unterschiedlichen Wortschätze und grammatischen Strukturen nicht nur Mittel der Kommunikation, sondern auch unterschiedliche Arten der Weltaneignung, deren Vielfalt erst die ganze Bandbreite des menschlichen Geistes und seiner Möglichkeiten spiegelt. Deshalb sollten Schüler neben einem praxisorientierten Englisch noch mindestens eine weitere Sprache unter diesem kulturellen Aspekt erlernen: als Einstieg in neue Denkwelten, Erfahrung von Andersartigkeit und Blick auf den geistigen Reichtum Europas mit seiner Vielzahl an hochentwickelten Kultursprachen.

          Für Trabants emphatisches Bildungskonzept ist also die Annahme, dass sprachliche Strukturen die Wahrnehmung und das Denken in einem nennenswerten Maße mitprägen, wesentlich. Ob und in welchem Maße das tatsächlich der Fall ist, wird allerdings unter Sprachwissenschaftlern kontrovers diskutiert. Trabant geht auf dieses komplexe Thema nur oberflächlich ein. Das ist bedauerlich, denn man wüsste schon gern genauer, welche Bildungserlebnisse - jenseits sprachpraktischer Erfordernisse - beispielsweise das Wissen beschert, dass es im Spanischen zwei Arten von „sein“ - „ser“ und „estar“ - gibt, dass die Grammatik slawischer Sprachen neben dem Tempus auch einen „Aspekt“ für die Kennzeichnung zeitlicher Strukturen vorsieht oder dass man im Deutschen gezwungen ist, zwischen femininen Gabeln, maskulinen Löffeln und neutralen Messern zu unterscheiden.

          Jürgen Trabants Argumentation, dass es hier nicht nur um Feinheiten für linguistische Connaisseurs, sondern um wesentliche Merkmale menschlicher Existenz geht, hätte es gutgetan, wenn er hier „mehr Butter bei die Fische“ gegeben hätte, statt sich auf philosophische Thesen und wenige knappe Beispiele zu beschränken. Aber vielleicht stößt sein Plädoyer einen sprachpolitischen Diskurs an, in dem dann auch solche Fragen geklärt werden können. Es ist diesem verdienstvollen Buch zu wünschen.

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