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Fotoband von Paul Almasy : Am Ufer der Seine wird getanzt

Paul Almasy: Romy Schneider und Alain Delon, 1961 Bild: Paul Almasy/akg-images

Der Fotojournalist Paul Almasy verbrachte nicht viel Zeit in Paris, war aber fasziniert vom Leben in der Metropole. Ein Bildband dokumentiert sein Gespür für Stimmungen und Menschen.

          3 Min.

          Paul Almasy war Journalist, bevor er zu fotografieren begann. Und nur weil sein Kollege ausfiel, der ihn 1935 zu Vorbereitungen für die Olympischen Spiele hatte begleiten sollen, griff er nach sechs Jahren des Schreibens auch selbst zur Kamera. Dann müsse er eben auch die Bilder liefern, hatte ihn der Redakteur der „Berliner Illustrirten Zeitung“ beauftragt – und war so begeistert von den Ergebnissen, dass er ihn gleich darauf in die Wüste schickte: „Fotografieren Sie die Sahara!“ Es war der Beginn einer beispiellosen Karriere.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Im Jahr 1906 in Ungarn geboren, mit siebzehn ausgewandert und über Wien und München, Vevey und Monte Carlo in Paris gelandet, wo er 1956 die französische Staatsbürgerschaft erhielt, war Paul Almasy längst Weltenreisender gewesen, bevor ihn in den dreißiger und vierziger Jahren zunächst deutsche, später Schweizer Zeitungen und nach dem Krieg die WHO, Unicef und die Unesco mehrmals rund um den Globus schickten.

          Korrekte Schlüsse für die Zukunft 

          Paris war deshalb eher sein Basislager als sein Zuhause. Es soll Jahre gegeben haben, in denen er keine drei Monate in der Stadt verbrachte. Und womöglich liegt es genau daran, dass er nie das Interesse am Pariser Alltag verlor, an den Veränderungen in der Stadt und ihrer Gesellschaft. Sein Augenmerk galt dabei ebenso den kleinen wie den feinen Leuten, den Künstlern wie der Prominenz. Aber so, wie er sich in seinen Text- und Bildreportagen aus aller Welt vor allem den Rändern der Städte und der Gesellschaft widmete, so galt auch in Paris seine Sympathie vor allen jenen, die von den Veränderungen der Welt an den Rand gedrängt waren.

          Paul Almasy: Avenue de l'Opéra, 1950er Jahre Bilderstrecke

          Glaubt man den Auszügen seiner Texte, die bisweilen auftauchen oder zitiert werden, bewies er sich als hellsichtiger Beobachter, der erstaunlich korrekte Schlüsse für die Zukunft zog. Seine Aufnahmen betrachtete er dabei eher als „Informationsmittel“ und Illustrationen für die mehr als anderthalbtausend Artikel denn als eigene Werke. Er sei kein Fotokünstler, wurde er nicht müde, Journalisten in den Block zu diktieren. Was aber nichts daran geändert hat, dass ihm – auch nach seinem Tod im September 2003 im Alter von siebenundneunzig Jahren – etliche Bildbände gewidmet wurden, man auf ein Lesebuch aber noch immer warten muss.

          Motive von bescheidener Gelassenheit

          „Paris“ heißt das jüngste Buch, dessen Bildauswahl sich vor allem an einem bereits vor zwanzig Jahren erschienenen Band orientiert. Paris ist auch der Ort, mit dem man Almasy am engsten verbindet, seit seine Bilder bei akg-images gelandet sind, dem leicht zugänglichen Archiv für Kunst und Geschichte. Seither tauchen sie in der Tagespresse ebenso auf, wenn in Frankreich Zigarettenwerbung verboten wird, wie neben der Rezension eines Romans, der im Paris der fünfziger Jahre spielt.

          Meist sind es Motive von bescheidener Gelassenheit. Keine Hingucker, keine raffinierten Kompositionen, keine Momentaufnahmen, in denen das Zeitgeschehen zum Bild mit Ewigkeitsanspruch geronnen ist. Eher handelt es sich um Skizzen. En passant entstanden, doch stets mit Gespür für die Stimmung der Menschen, wenn sie ausgelassen am Seine-Ufer tanzen, aufgeregt in der Zeitung blättern oder beeindruckt dem Flug der Concorde folgen. Die älteste Aufnahme des Buchs entstand 1945, die jüngste 1970. Doch sind die Bilder nicht chronologisch zu einem Epochenroman geordnet, sondern springen durch die Zeiten, meist zu Motivgruppen sortiert, was nicht nur für Spannung sorgt. Der alles egalisierende, gleichmäßig harte Schwarzweißton sorgt dabei für eine gewisse Kälte. Was so gar nicht zu den Motiven passt.

          Ein lustiges Durcheinander 

          Almasy folgte jener humanistischen Fotografie, wie sie Edward Steichens epochemachende Wanderausstellung „The Family of Man“ von 1951 an überall auf der Welt propagierte und die Zeitschrift „Life“ sie verbreitete. Nirgendwo eine Fratze, nirgendwo ironische Brechungen, vielmehr findet er selbst inmitten der Großstadt das Kleinstadtidyll, in dem Kinder spielen und Männer im Café Rotwein trinken. Nur in den menschenleeren Aufnahmen der Baustellen von La Défense und der Tour Montparnasse verliert sich die Unbekümmertheit, und es schimmert wie ein Wasserzeichen ein Moment von Zweifel hinter den Motiven auf.

          Almasys Interesse an der französischen Einwanderungspolitik, an den Siedlungen der Gastarbeiter oder der Situation ebenso von Juden wie Sinti und Roma widmet das Buch kaum Aufmerksamkeit, und obwohl er Artikel mit titeltauglichen Überschriften wie „Das Gesicht von Paris verändert sich“ oder „Paris hinter verschlossenen Türen“ geschrieben hat, werden derlei Ansätze im Buch eben nicht als Programm, sondern nur als Begründung für ein lustiges Durcheinander genommen. Fast meint man, einen Katalog von akg-images in Händen zu halten, aus dem man für jederlei Situation im Paris des zwanzigsten Jahrhunderts die passende Illustration bestellen kann.

          Paul Almasy: „Paris“. Mit einem Vorwort von Ralf Hanselle. Text deutsch, französisch und englisch. te Neues Verlag, Kempen 2020. 144 S., Abb., geb., 19,90 €.

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