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: Ein Mann sieht bunt

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Dies ist die Geschichte eines Mannes, der lange weit weg war. Aus der Ferne schickte er Filmbeiträge nach Hause, ab und zu kamen von dort Kassetten zurück: Loriot, Breloers Fernsehspiele und andere Qualitätsware. Also widmete sich der Mann weiter dem Aufstieg Asiens, den dortigen Umwelt- und Menschenrechtsproblemen, ...

          Dies ist die Geschichte eines Mannes, der lange weit weg war. Aus der Ferne schickte er Filmbeiträge nach Hause, ab und zu kamen von dort Kassetten zurück: Loriot, Breloers Fernsehspiele und andere Qualitätsware. Also widmete sich der Mann weiter dem Aufstieg Asiens, den dortigen Umwelt- und Menschenrechtsproblemen, traf Spitzenpolitiker und normale Zeitgenossen, bis es Zeit war, zurückzukehren nach Hamburg, zum deutschen Fernsehen. Darauf hatte ihn niemand vorbereitet: Sein Sender, der NDR, war zum Spezialsender für die Königshäuser Europas mutiert. In der Regionalberichterstattung glühte immerzu die Lüneburger Heide, und im Ersten: Volksmusik. Dann kam irgendwann der Abend, an dem in der "Tagesschau" gemeldet wurde, daß ein gewisser Daniel Küblböck einen Gurkenlaster gerammt hatte. Fehlte nur noch ein "Brennpunkt" zum Schicksal der betroffenen Gurken.

          Jürgen Bertram erkannte das Fernsehen nicht wieder. Sicher, alle Medien hatten sich seit den achtziger Jahren verändert, die Werbung und die Marken hatten den Alltag kolonisiert, aber es hatten sich doch auch Reservate der Seriosität behaupten können: Deutschlandfunk und Deutschlandradio, Qualitätszeitungen, selbst in den marktbegeisterten angelsächsischen Ländern gab es PBS, BBC und in Australien die ABC, die stolz und mit guten Resultaten ihre öffentlich-rechtliche Differenz zu behaupten wußten. Aber hier gab das Fernsehen sich geradezu lüstern allen möglichen Interessen hin: denen der Parteien, der Wirtschaft, der Verbände, ihrer PR-Agenturen und auch der Eitelkeit seiner Verantwortlichen. Bertram, der seine Karriere als Reporter beim "Spiegel" begonnen hatte, dann bei "Panorama" landete und schließlich die ARD-Büros in Singapur und Peking leitete, staunte.

          Er war nicht der einzige. Viele Kollegen aus dem NDR und anderen ARD-Anstalten waren derselben Meinung, aber sie hatten ihren Frieden mit den Verhältnissen gemacht oder versuchten, sich im Labyrinth der ARD-Gremien zu behaupten. Die meisten aber zuckten mit den Schultern und lästerten unter vier Augen ab.

          Denn mit Kritik an den Zuständen, an der Philosophie des Senders an die Öffentlichkeit zu gehen ist paradoxerweise in öffentlich-rechtlichen Anstalten die große Ausnahme. Die Angst vor interner Disziplinierung sitzt tief. Jürgen Bertram, der vom NDR eine Pension bezieht und der von daher durchaus ein Risiko eingeht, hat das Thema aber nicht losgelassen. Statt in Telefonaten mit ehemaligen Kollegen oder an den Theken der Hansestadt Dampf abzulassen, hat sich Bertram in die Recherche vertieft, ist herumgereist, hat sich in der ihm fremden Welt der Volksmusik umgesehen und -gehört und endlose Gespräche mit Betroffenen und Experten geführt. Und daraus ist ein Buch geworden, ein fundiertes, aber parteiisches Buch, eines, das eine noble Vision von öffentlich-rechtlichem Rundfunk gegen seine real existierende Variante verteidigt. Es ist ein Buch der Erinnerung und des Staunens: Über die Logos von gebührenfinanzierten Sendern auf Volksmusik-CDs, über die Häufigkeit von "Brennpunkten", selbst zum Thema Schnee im Winter. Und es ist auch ein Buch über Hamburg und seine Entwicklung als Medienstadt, von den Radiofeatures eines Heinrich Böll zu den Abenteuern eines Dieter Bohlen. Es beschreibt die Entwicklung, welche die große Rundfunkanstalt im Norden genommen hat, vom kritischen, aufklärerischen und hochkulturellen Ethos des NWDR und seines Gründers Hugh Carleton Greene, dem Bruder von Graham, zum unübersichtlichen, vielfachen Einflüssen ausgesetzten NDR. Die ersten Jahre schildert Bertram als Zeit des Aufbruchs, des Sichbehauptens gegen Widerstände, der heftigen Konflikte mit politischen Autoritäten. An der feinen Rothenbaumchaussee war der Sender angesiedelt, mitten im Leben. Und heute?

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