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: Ein Mann im Widerstand

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November 2003: Bei einer Buchpreisverleihung im Münchner Cuvilliés-Theater traf Hans-Olaf Henkel das Ehepaar Walter und Inge Jens, ein "sehr charmanter, liebenswürdiger Herr, dessen Frau ihm an Geist mindestens ebenbürtig war". Henkel erwähnt diese flüchtige Begegnung in seinem neuen Buch aber nur ...

          November 2003: Bei einer Buchpreisverleihung im Münchner Cuvilliés-Theater traf Hans-Olaf Henkel das Ehepaar Walter und Inge Jens, ein "sehr charmanter, liebenswürdiger Herr, dessen Frau ihm an Geist mindestens ebenbürtig war". Henkel erwähnt diese flüchtige Begegnung in seinem neuen Buch aber nur aus einem einzigen Grund: Um auf Jens' bald darauf entdeckte, vom Betroffenen selbst vergessene NSDAP-Mitgliedschaft zu kommen. "Dieser Mann" - an einer anderen Stelle nennt Henkel ihn den "Grandseigneur der deutschen Linken, der seine Unterschrift unter jedes Manifest setzte" -, "der die rücksichtslose Aufklärung der Nazivergangenheit forderte, hatte sich ein Leben lang erfolgreich um die Aufklärung der eigenen Vergangenheit gedrückt." Kurz gesagt: Ätsch.

          Man kann diese Szene aber noch anders sehen: als symbolische Staffelübergabe. Was für die Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik Walter Jens war - ein Generalbaß der öffentlichen Meinung, der in allen Debatten erklang -, das ist seit einigen Jahren Hans-Olaf Henkel. Ihre gemeinsame Disziplin ist, Henkel verwendet den Begriff leicht mokant, die "Gesellschaftskritik". Denn seit dem Ende der neunziger Jahre arbeitet er daran, die deutsche Gesellschaft mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß etwas, daß vieles mit ihr nicht stimmt. Zunächst tat er das als Verbandschef, als Präsident des BDI, längst aber hat seine Persona die Grenzen der Rollenprosa überwunden, so wie Walter Jens immer etwas anderes war als ein Tübinger Lehrstuhlinhaber. Das linksliberale, sozialkritische Umfeld, in dem ein Walter Jens seine Wirkung entfaltete, diese ideelle Nachbarschaft zu Günter Grass, Klaus Staeck, Heinrich Böll, Wolf Biermann, Johano Strasser, Günter Wallraff, Freimut Duve und Dorothee Sölle ist fragmentiert und spielt keine große Rolle mehr. Der letzte einflußreiche rotgrüne Bucherfolg war Joschka Fischers "Langer Lauf zu mir selbst".

          Viel Pathos

          Schaut man heute auf die Tische der Bahnhofsbuchhandlungen, findet man dort die Bestseller von Friedrich Merz, von Michael Rogowski, eine Biographie über Roland Koch und zahllose Taschenbücher, in denen noch ein Wirtschaftsexperte darlegt, warum nur eine Kürzung bei den Sozialhilfeempfängern, bei Witwen und Waisen Deutschland retten kann. Der Geist hat sich gedreht. Er weht jetzt von rechts. Hans-Olaf Henkel ist der Protagonist dieser neuen deutschen Kultur. Henkel hat die Ideen, die heutzutage von der Bundesregierung abwärts alle nachbeten, als erster ausgesprochen. Er hat schon immer und ohne Rücksicht auf die Nerven seines Publikums alles kritisiert: die zu hohen Löhne, die zu laschen Schulen, den zu langen Urlaub, die Steuern, die Schulden, die Beamten, die Provinzialität, die Graffiti.

          Sein Image änderte sich nach seinem ersten Buch, seiner überraschend offenen und suggestiv geschriebenen Biographie "Die Macht der Freiheit" aus dem Jahr 2000. Als Ex-Beatlesfreund, als Jazzer und cooler Typ in der alten Cordjacke seines Vaters erschien er da, nicht mehr als der Lohnkürzung predigende Spitzenverdiener mit dem energischen Kinn. Und es fließen Tränen. Henkel weint viel: beim Gedenken an unschuldig verurteilte Todeskandidaten in Amerika oder beim Anblick eines ostdeutschen Jungen im Rollstuhl, der kein Geld für ein Eis hat. Die meisten Tränen aber gelten seinem am 5. Januar 1945 in Budapest gefallenen Vater Hans.

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