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: Ein letztes Buch gegen die Zeit

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Eines Tages wurde der größte Wirklichkeitsverächter der Welt von der Wirklichkeit grausam eingeholt. Es ist im Herbst 1944, als deutsche Soldaten auf ihrem Rückzug auch in jener toskanischen Villa untergebracht werden, in der Rudolf Borchardt und seine Familie Unterschlupf gefunden haben. Und die Anzeichen ...

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          Eines Tages wurde der größte Wirklichkeitsverächter der Welt von der Wirklichkeit grausam eingeholt. Es ist im Herbst 1944, als deutsche Soldaten auf ihrem Rückzug auch in jener toskanischen Villa untergebracht werden, in der Rudolf Borchardt und seine Familie Unterschlupf gefunden haben. Und die Anzeichen verdichten sich, daß diese Soldaten wissen, um wen es sich bei jenem knorrigen, bis zur Unhöflichkeit distanzierten, altmodischen deutschen Herrn handelt: Um den Dichter Rudolf Borchardt. Um den jüdischen Dichter Rudolf Borchardt, der von jenen deutschen Soldaten alles zu befürchten hat. Die Enttarnung. Den Abtransport. Den Tod. An diesem dramatischen Wendepunkt seines Lebens setzt der letzte Text ein, den Borchardt geschrieben hat. "Anabasis", ein autobiographisches Erinnerungsbuch, das gestern im brandenburgischen Schloß Neuhardenberg erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

          Kein deutscher Dichter hat je die Gegenwart entschlossener verachtet als Rudolf Borchardt. Kaum je ein Mensch hat sich entschlossener aus seiner Zeit verabschiedet als er. Die Gegenwart war ein Fluch, ein Unsinn, eine einzige Traditionsvergessenheit. Der Bruch zwischen den Überlieferungen der Vergangenheit und den ahnungslosen Hervorbringungen seiner Zeit schien unüberwindbar. Oder doch? Ein König, ein Meister, ein Auserwählter aus einer anderen Welt hätte die Gegenwart vielleicht doch auf einen großen, neuen Weg bringen können. Führer in ein neues Jahrhundert. In eine neue alte Zeit. Sein ganzes Leben widmete der Dichter, Redner, Übersetzer Rudolf Borchardt dem Versuch, diesen großen Bruch zu heilen. In radikaler Abkehr von seiner Zeit, von der Wirklichkeit. Im Lesen und Übertragen von Homer, Dante, Pindar. Im Schreiben von Gedichten, die allesamt "Ewigkeitsansprüchen" zu genügen hatten, in großen Reden "gegen den Unfug dieser Gegenwart", wie Joseph Roth 1930 begeistert lobte.

          Seit 1903 suchte er und fand schließlich den Ort der sonnigen Weltabgewandtheit und des schönen, sichtbaren Traditionsreichtums in Italien, zumeist in der Toskana, wo er, später gemeinsam mit seiner Familie, in verschiedenen Villen lebte. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, an dem der 1877 in Königsberg in einer jüdischen Familie geborene Borchardt als stolzer Preuße und entschlossener, deutscher Patriot teilnahm, bedeutete für ihn den endgültigen Bruch. Immer konsequenter und einsamer streitet er für seine Idee einer "restaurierenden Revolution". Er will einen Krieg des Geistes gegen den Ungeist beginnen. Immer wütender ruft er auf zur Bildung einer "ecclesia militans des deutschen Geistes", "die es erträgt, Blut zu sehen, Scheiterhaufen zu türmen, Kriege zu erklären". Sein wütender Konservatismus führt nicht selten zu einer sprachlichen und gedanklichen Nähe zu den Nationalsozialisten, die er aus tiefstem Herzen verachtet. Daß diese ihm, dem protestantisch getauften Deutschen, wegen jüdischer Herkunft 1935 sein Deutschtum aberkennen, kann er nicht fassen. Mit viel Glück lebt er jahrelang von den Nazis unentdeckt als leidenschaftlicher Gärtner höchst zurückgezogen in Italien.

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