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: Ein Leben nach Staiger

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Das Gros der Hochschullehrer an deutschen Universitäten tritt in den Ruhestand. Sie sind in den dreißiger Jahren geboren, im Krieg aufgewachsen, haben in der frühen Bundesrepublik studiert und mußten als zahlreich berufene junge Professoren in den Jahren der Studentenbewegung unweigerlich Position beziehen.

          Das Gros der Hochschullehrer an deutschen Universitäten tritt in den Ruhestand. Sie sind in den dreißiger Jahren geboren, im Krieg aufgewachsen, haben in der frühen Bundesrepublik studiert und mußten als zahlreich berufene junge Professoren in den Jahren der Studentenbewegung unweigerlich Position beziehen. Manche dieser Generation werden nun mit der akademischen Form des Glückwunsches, also einer Festschrift, verabschiedet. Unter ihnen gibt es sogar solche, die ein so altehrwürdiges Ritual als Zeichen der einst erbittert bekämpften Ordinarienuniversität eigentlich ablehnen müßten. Doch die Zeiten ändern sich. Aus bloßer Treue zu alten Idealen völlig auf verdienten Nachruhm zu verzichten wäre schließlich viel verlangt.

          Christa Bürger, Germanistin an der Universität Frankfurt von 1973 bis 1998, sucht nun nach einem Sonderweg aus diesem Dilemma. Ihr neues Buch ist eine eigenwillige Mischung aus autobiographisch erzählten "Stationen weiblicher Selbstvergewisserung", Bekenntnissen eines sich wandelnden wissenschaftlichen Bewußtseins und Kurzfassungen eigener Arbeiten. Bürger schreibt Lebens- und Wissenschaftsgeschichte in einem. Sie berichtet von der befreienden Wirkung, mit der sich ihre Generation von der Textimmanenz lossagte: Das weltanschauliche Pathos der Staiger-Schule galt es zuerst durch den nüchternen Formalismus, dann durch die Ideologiekritik der Frankfurter Schule zu überwinden. Auch für die Germanistik stand in dieser Zeit die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft stets im Mittelpunkt. Dem verdankt besonders die Forschung zur Aufklärung bis heute viele neue Einblicke, die Erschließung etlicher bis dahin vom klassischen Gipfelblick übersehener Autoren und wichtige Einsichten in die Sozialgeschichte. Christa Bürger hat dazu maßgeblich beigetragen.

          Die Erinnerung an eigene Verdienste bleibt allerdings eine heikle Aufgabe, zu groß ist die Gefahr der Eitelkeit. Wie in ihrer jüngeren feministischen Essayistik und Porträtkunst schreibt Bürger sehr persönlich. Die Ich-Perspektive weicht mit dem Eintritt Peter Bürgers in ihr Leben jedoch zunehmend dem "Wir", von nun an referiert und rezensiert sie die Arbeiten ihres Mannes mit fast der gleichen Aufmerksamkeit wie ihre eigenen.

          Und da sich beide als Mitbegründer einer "kritischen Literaturwissenschaft" verstehen, führt das in Bürgers Bekenntnissen dazu, daß von den ersten vergilbten Seminararbeiten an alle früheren Überlegungen vorgestellt und aus heutigem Blickwinkel manchmal erstaunt, meist aber beeindruckt nochmals dargestellt und reflektiert werden. Bis in die Details ist da zu erfahren, auf welchem Spaziergang welche Ideen aus idealtypischen Streitgesprächen hervorgingen, wie die Marginalien in der immer wieder gelesenen "Dialektik der Aufklärung" allmählich einander überlagerten oder mit welch erstaunlichem Scharfblick das Tagebuch die Zeit kommentierte.

          Die Argumentation ist dabei von raffinierter Wendigkeit: Die Selbstpositionierung erfolgt je nach Bedarf zwischen einer "Linken" aus Sicht des "Establishment", die im Lehrerzimmer tapfer die Ausgrenzungen konservativer Schulleiter und Kollegen übersteht, und einer "bürgerlichen Intellektuellen" aus der Perspektive radikaler Studenten, die besonnen zum Selbstdenken in den Grenzen der Vernunft anleitet. Das "revolutionäre Pathos" auf Fachbereichskonferenzen wird zwar belächelt, die Berechtigung der meisten Proteste aber betont, auch wenn es endlos dauerte, sie "auszudiskutieren". Zeigt Bürgers Empörung darüber, daß die Protokolle dieser Sitzungen in Frankfurt irgendwann entsorgt wurden, die Redlichkeit der aktenbeflissenen Universitätshistorikerin oder doch eher den sentimentalen Blick auf die verlorene Zeit?

          Der elegische Ton, mit dem sie gemeinsame Lektüren von Adorno und Marcuse verklärt, wird nur gelegentlich durch kokette Distanzierungen oder handfeste Kritik an "linkstechnokratischen" Umtrieben gebrochen. Überall klingt dazwischen die Tristesse jener Jahre durch, die sich mit der Lähmung des universitären Lehrbetriebs, dem verbissenen Kampf zwischen verfeindeten Fraktionen und der doktrinären Rhetorik im Jargon weltverbessernder Eigentlichkeit verbindet. Viele Universitätsromane, etwa von Andreas Höfele, Urs Jaeggi, Hermann Kinder oder Uwe Timm, sind ähnlich beklemmend wie Passagen dieser Erinnerungen.

          Was inzwischen Geschichte geworden ist, versucht Bürger - wie schon in der Abschiedsvorlesung von 1999 - in einer seltsamen Mischung aus theoretischem Abstand und biographischer Nähe erzählend wiederzubeleben. Ihr Abgesang in den letzten Kapiteln, der mit jenem zunächst "kaum wahrnehmbaren Wandel des politischen Klimas" in den achtziger Jahren einsetzt, bestätigt diesen Prozeß der Historisierung. Die Hinwendung einstiger Ideologiekritiker wie Gert Mattenklott zu "Leib" und "Leben" erscheint da zunächst wie ein enttäuschender Befund von Renegatentum.

          Doch dann beschreibt Bürger ihre eigene Neuorientierung in einer Spielart von Feminismus, den sie mit dem Bekenntnis einer "Anti-Philosophin" des 17. Jahrhunderts überschreibt: "Ich denke mit Zärtlichkeit, also liebe ich Dich." Mit dieser Abwandlung des Cogito erstattete Madame de Sévigné dem cartesischen Denken das Fühlen zurück. Bürger übernimmt diese Losung nun für ihr eigenes "gründendes Schreiben" über Bettine von Arnim oder Johanna Schopenhauer, Charlotte von Kalb oder Rahel Varnhagen, Sophie Mereau oder sich selbst. Dabei bleibt offen, ob sie ihr denkendes Erinnern oder erinnertes Denken und Fühlen in diesem zwitterhaften Buch am ehesten an Weggefährten, Schülerinnen, Wissenschaftshistoriker oder sich selbst adressiert.

          ALEXANDER KOSENINA.

          Christa Bürger: "Mein Weg durch die Literaturwissenschaft 1968-1998". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 290 S., br., 12,- [Euro].

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