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Ein Hauptstadtführer für Arme : Der Spleen von Berlin

Gesang einer gekränkten Seele: Luise und Bernd Wagner Bild: ddp

Billigschirme vom Fundbüro, Walderdbeeren aus den städtischen Grünanlagen: Bernd Wagners viel beachtetes Ratgeberbuch „Berlin für Arme“ will erklären, wie man auch als Hartz-IV-Empfänger ein würdiges Dasein führen kann.

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          Von Boheme spricht schon lange niemand mehr. Das Wort hat einen unguten Geruch, der ebenso an dem hängenbleibt, der es gebraucht, wie an denen, auf die es gemünzt ist. Es riecht nach Spießermoral und ihrem Gegenteil, der plumpen, als Nonkonformismus getarnten Schnorrerei.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber vielleicht ist es Zeit, an die Würde zu erinnern, die der Begriff einmal besaß. In Henri Murgers „Szenen aus dem Leben der Boheme“, die im selben Jahr wie „Moby Dick“ erschienen, bezeichnet er die Verschmelzung von Künstlertum und Armut. Dass Puccini und seine Librettisten Murgers Roman ein halbes Jahrhundert später zur Erfolgsoper verkitschten, steht auf einem anderen Blatt. Heute erinnert man sich an Murger nur noch wegen Puccini. Das sollte sich ändern.

          Der Eigensinn des Ästheten

          Der Berliner Schriftsteller Bernd Wagner hat gemeinsam mit seiner Tochter Luise ein viel beachtetes Ratgeberbuch geschrieben. Das Wort „Boheme“ kommt darin nicht vor. Und doch liest man es auf jeder Seite unsichtbar mit. Denn auch bei Wagner geht es um Würde - die Dignität eines Daseins, das von den Segnungen der Wohlstandsgesellschaft ausgeschlossen ist; und den Eigensinn eines Ästheten, der sich seinen Geschmack nicht von seinem Kontostand vorschreiben lassen will.

          Das hat etwas Heroisches. Und so führt Wagner seinen Lesern nicht ohne Stolz vor, wie er sich gegen die Arroganz der Sachbearbeiterin im Jobcenter brieflich zur Wehr setzt („Bevor Sie jetzt wieder den falschen Knopf auf Ihrer Maschine drücken, überlegen Sie einen Moment“) und sich dem Modediktat der Unterschichten verweigert („Überlassen Sie die Arbeitskleidung den Besserverdienenden und kleiden Sie sich nach der Devise ,Nobel geht die Welt zugrunde'“). Auch von Billigschirmen rät er ab: Stilvoller sei es, sich beim Fundbüro ein schönes verlorenes Stück auszusuchen. Und für fast jeden Ratschlag hat er eine passende Reminiszenz. Mal zitiert er den Ungarn Sándor Márai, mal den chinesischen Weisen Lao-tse oder den mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart. Es sind Bildungsfrüchte, mit denen Wagner zeigen will, dass er nicht zu jenen Armen gehört, denen ihr Elend den Geist vernebelt; sein Buch heiße ja nicht „Berlin für Dumme“, hat er einen Interviewer beschieden.

          Das Nahrungsangebot der Grünflächen

          Dann aber kommt er zur Sache. „Die Natur deckt uns den Tisch“ und „Von Kladow nach Padang Bai“ heißen die beiden Kapitel seines Buchs, aus denen vorab am meisten in den Berliner Zeitungen zu lesen war. Es geht darum, wie man das Nahrungsangebot der großstädtischen Brachen und Grünflächen optimal nutzt und wie man auch als Hartz-IV-Empfänger Urlaub auf Bali machen kann. Beides sind vergessene Kulturtechniken - das Entdecken und Pflücken von Bärlauch, Schirmpilzen und Holunderbeeren wie das Reisen mit geringem Budget.

          Aber Bernd Wagner redet darüber, als dichte er fürs Feuilleton: „Wollen Sie gern Opfer einer Entführung mit kostenloser Beköstigung werden, empfehlen wir den Jemen oder Kolumbien.“ Die Walderdbeere belohnt ihren Finder „mit zartester Süße“, und dem erfolglosen Eis-Angler bleibt das „befriedigende Bewusstsein, in den vergangenen 5 Stunden kein Geld ausgegeben zu haben“. Das klingt, als wollte Wagner nicht ganz wahrhaben, was und für wen er da schreibt. Die Armut, die er schildert, soll nach Erdbeeren schmecken, nicht nach Demütigung und Not.

          Eine große Traurigkeit

          Es liegt eine große Traurigkeit unter der gutgelaunten Ironie dieses Buchs, die Melancholie eines Schriftstellerlebens, dessen Hoffnungen sich nicht erfüllt haben. Wagner, Jahrgang 1948, debütierte in der DDR mit Gedichten und Erzählungen, er war Mitherausgeber der Untergrundzeitschrift „Mikado“ und Mitunterzeichner des Protestbriefs gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Nach seiner Ausbürgerung 1985 schrieb er Romane („Paradies“), die von der Literaturkritik gepriesen wurden. Das Publikum beachtete sie nicht. Vor drei Jahren zwang eine Erkrankung den Autor, der zuvor als Vermessungshelfer gearbeitet hatte, Arbeitslosengeld II zu beantragen. Vor einem Bild, zitiert er Schopenhauer, habe jeder sich hinzustellen „wie vor einen Fürsten, abwartend, ob und was es zu ihm sprechen werde“. Wenn man Wagners Buch lange genug lauscht, hört man darin den Gesang einer gekränkten Seele.

          Bernd Wagners Ratgeber ist nicht der einzige Versuch, der neuen sozialen Wirklichkeit eine sprachliche Form zu geben. Die Glossen und Geschichten, in denen der Kolumnist und Schriftsteller Uli Hannemann seinen Alltag im Problemkiez von Neukölln beschreibt , verkaufen sich in Berlin zur Zeit wie warme Semmeln. Doch anders als Hannemann legt Wagner Wert darauf, dem Milieu, das er beschwört, nicht anzugehören. Zwar fotografiert er Straßenmagazinverkäufer, Parkbankschläfer und Blumenhändler, aber ihre Welt ist nicht die seine. Lieber sitzt er wie Murgers Bohèmiens auf einem Balkonplatz in der Oper und lässt sich von Mozart-Arien in den Schlaf wiegen. Sein Buch endet mit einer Anleitung zur Sterbevorsorge: „Setzen Sie sich mit Ihren Lieben zusammen und flechten Sie eine Urne aus den Zweigen des japanischen Schnurbaums.“ Danach folgt die Literaturliste.

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