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Neue Bücher zu Wilhelm Hauff : Ein genialer Handwerker im Literaturbetrieb

Als Monarch ein Hochstapler, als Schneider unübertroffen: Die Illustration von Max Reach zu Hauffs „Märchen von dem falschen Prinzen“ Bild: Abbildung Archiv

Seine Märchen kennt jeder, seine Tätigkeit als einflussreicher Redakteur ist praktisch unbekannt: Zwei neue Bücher widmen sich Wilhelm Hauff als einem Visionär des modernen Buchmarkts.

          5 Min.

          Ein junger Mann besucht die Leihbibliothek seiner Stadt. Nicht etwa um zu lesen – die „vier- bis fünftausend Bände“ der Bücherei habe er bereits zwei Jahre zuvor „in einer langen Krankheit durchgeblättert“. Stattdessen will er die anderen Besucher der Bibliothek beobachten, um herauszufinden, welche Titel sie auswählen. Außerdem befragt er den alten Bibliothekar zu seinen Kunden.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Was ihn dazu treibt, ist wiederum kein Erkenntnisdrang, die Erforschung der Lesegewohnheiten seiner Mitbürger ist ihm nur Mittel zum Zweck. Denn er will selbst Schriftsteller werden und beobachtet nun den Markt, um sein Schreiben dann danach auszurichten – es geht ihm um den Erfolg, von ästhetischem Rüstzeug oder gar einer literarischen Mission ist nicht die Rede.

          Was heute keineswegs ungewöhnlich anmutet, die unbedingte Orientierung eines Autors am Buchmarkt, war 1827 noch eine Provokation. In Wilhelm Hauffs Skizze „Die Bücher und die Lesewelt“, die damals im renommierten „Morgenblatt für gebildete Stände“ erschien, wird dann auch ein neues literarisches Leben geschildert, das sich von der nur wenig zurückliegenden Epoche in zwei wesentlichen Punkten unterscheidet: Es geht hier nicht mehr um einzelne Autoren, sondern um Machart und Inhalt, verlangt wird nicht unbedingt der neue Roman eines bestimmten Urhebers, sondern irgendeine Geister-, Ritter- oder Liebesgeschichte, und wenn alles in eins fällt, umso besser. Wenn aber Autoren eine dieser literarischen Moden geradezu verkörpern – Walter Scott ist ein damals gern genanntes, gern kopiertes Beispiel –, dann werden gezielt sie verlangt, unabhängig vom konkreten Titel.

          Ein Buchmarkt, dessen Grundzüge bis heute sichtbar sind

          Der andere Bruch mit der jüngeren Vergangenheit aber, den Hauff in seiner Skizze beschreibt, ist noch gravierender: Die Kunden der Leihbibliothek entstammen allen möglichen Schichten, und die Diener und Mägde der Adligen, die für ihre Herrschaft starkbändige Romane entleihen, lesen diese anschließend selbst. Das ist die Folge einer doppelten Revolution, die sich über das gesamte neunzehnte Jahrhundert erstrecken sollte: Neue Druckverfahren machten Bücher, Journale und Zeitungen dramatisch billiger und erreichten so sehr viel weitere Kreise als vordem; zugleich stieg die Zahl derer, die überhaupt lesen und schreiben konnten, stark an. Als Ergebnis – befördert außerdem durch die Entwicklung des Urheberrechts, das 1837 im Deutschen Bund kodifiziert wurde – entstand ein moderner Buchmarkt, dessen Grundzüge bis heute sichtbar sind.

          Welche Züge sind das? Hauffs Erzähler, der angehende Erfolgsautor, lässt sich die Marktmechanismen vom Bibliothekar erläutern, der wiederum keinen öffentlichen Bildungsauftrag erfüllt, sondern davon lebt, dem Publikum zu liefern, was es will und wofür es zu zahlen bereit ist. So unterschiedlich der Geschmack der einzelnen Leser sei, allen gemein sei das Unterhaltungsbedürfnis und der Wunsch nach leichter Zugänglichkeit des Textes – deshalb fänden Autoren wie der noch wenige Jahre zuvor vielgelesene Jean Paul wegen seines „sonderbaren dunklen Stils“ 1827 kaum noch Liebhaber. Zweitens werde Bekanntes nachgefragt, die Hinwendung zur seriellen Literatur sei unübersehbar, und sei diese noch so elend. Überhaupt sei drittens den Leserinnen – die hier ausdrücklich genannt werden – nichts mehr peinlich, vor allem, „wenn keine Gouvernante, keine Mutter ihre Lektüre ordnet“. Hauffs Leser fällt dann doch einmal aus seiner distanzierten Haltung und ruft aus: „Warum lesen denn wohlgezogene Leute so schlechte Bücher?“ Das sei eben „der Geschmack der Zeit“, sagt der Bibliothekar.

          Was früher Handwerk, sei nun „alles mechanisch betrieben“

          Doch neben die inhaltliche Beschreibung des Markts tritt auch die materielle der Buchproduktion. Was früher Handwerk war, sei nun „alles mechanisch betrieben“, sagt der Bibliothekar und meint damit nicht nur die tatsächliche, damals gerade neu entwickelte „Schnellpresse“, sondern auch eine fiktive dampfbetriebene Übersetzermaschine, „die Französisch, Englisch und Deutsch versteht“ und den menschlichen Übersetzer überflüssig mache.

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