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Geschichte des Kunstraubs : Von guten und bösen Imperialisten

„Beute“. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe. Hrsg. von Bénédicte Savoy, Merten Lagatz und Philippa Sissis.
„Beute“. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe. Hrsg. von Bénédicte Savoy, Merten Lagatz und Philippa Sissis. : Bild: Matthes & Seitz Verlag

So hat Byron schon 1812 in seinem Langgedicht „Childe Harolds Pilgerfahrt“ den Diebstahl der Parthenon-Skulpturen durch Lord Elgin angeprangert, und Victor Hugo knüpfte daran an, als er die Zerstörung des Sommerpalasts der chinesischen Kaiser in einem offenen Brief von 1861 als Werk zweier „Banditen“ (sprich: England und Frankreich) bezeichnete. Der Unesco-Generalsekretär Amadou-Mahtar M’Bow hätte auch auf diese beiden verweisen können, statt die Philippika des Polybios gegen den Statuenraub der Römer in Griechenland zu zitieren, als er in seiner Rede von 1978 die Rückgabe afrikanischer Kunst aus westlichen Mu­seen forderte. Selbst ein Brief Emil Noldes von 1914, in dem er den „bösen Raubhandel“ mit Artefakten aus Neuguinea beklagt, wirkt im Zusammenhang mit anderen Zeitzeugnissen we­ni­ger borniert, als es die derzeit angesagte ex­pres­sio­nis­mus­kri­tische Lesart der Postkolonialen wahrhaben will.

Im Vorwort zu dem Bildatlas-Band laden die Herausgeber ihre Leser dazu ein, „mit uns zu verstehen, warum das Narrativ der Befreiung und der Rettung von dem Verderben geweihten Kunstschätzen aus undurchdringbaren Urwäldern, dunklen Höhlen und vermeintlich unsachkundigen Händen längst ausgedient haben müsste“. Ja, das würde man tatsächlich gern verstehen, zumal im Licht der Ereignisse der letzten zwanzig Jahre im Nahen und Mittleren Osten. Der „Islamische Staat“ (IS) hat bekanntlich seine Feldzüge unter anderem durch den Verkauf von archäologischen Funden an private – nicht nur westliche – Sammler finanziert.

Es lohnt sich immer, genau hinzuschauen

Zugleich hat der IS die Welterbestätten von Palmyra und Hatra zerstört. Hätte ein europäisches Museum, wenn es die Chance gehabt hätte, solche Stätten und Objekte durch Ankauf zu retten, diese lieber in den sachkundigen Händen der Islamisten lassen sollen? Auch die afghanischen Taliban haben neben der Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan eine noch unbezifferbare Menge von Kulturschätzen vernichtet oder auf den Schwarzmarkt geworfen. Hätte ihre mögliche Rettung durch Museumsleute nur ein ausgedientes Narrativ bedient?

Historischer Kontext ist eben das A und O in kulturgeschichtlichen Erzählungen, auch dort, wo es um translozierte Objekte geht. Deshalb ist es bedauerlich, dass keiner der beiden Bände ein Kapitel zur Geschichte der Kulturzerstörungen – also der Translokation ins Nichts – enthält. Noch bedauerlicher ist es, dass die Herausgeber an ein paar entscheidenden Stellen ihres Diskurses die Bühne den Ideologen überlassen haben. Den Kommentar zu der 2002 verfassten Erklärung führender westlicher Museumsdirektoren über „Wichtigkeit und Wert von Universalmuseen“ etwa hat Dan Hicks verfasst, Archäologieprofessor in Oxford und eine der Galionsfiguren der postkolonialen Bewegung in England.

Die Idee des Universalmuseums, be­haup­tet Hicks, sei „eine reine Erfindung“ und „ein legitimierender Mythos des 21. Jahrhunderts“. Offenbar hat sich der Autor ausschließlich mit angelsächsischer Wissenschaftsgeschichte befasst, sonst wüsste er, dass die universale Ausrichtung des Mu­seums ein Konzept der deutschen Ro­man­tik und Spätaufklärung ist. Alexander von Humboldt, der es bereits um 1815 vertrat, musste sich von den Rückholern deutscher Kulturgüter aus dem Louvre als „un­teutsch“ beschimpfen lassen. Das Zitat und den Sachverhalt kann man in einem Aufsatz nachlesen, den die „Beute“-Herausgeberin und „translocations“-Initiatorin Bénédicte Savoy vor sieben Jahren veröffentlicht hat. Es lohnt sich eben immer, genau hinzuschauen – erst recht, wenn es um das kulturelle Erbe der Menschheit geht.

„Beute“. Eine Anthologie zu Kunstraub und Kulturerbe. Hrsg. von Bénédicte Savoy, Robert Skwirblies und Isabelle Dolezalek. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 430 S., geb., 38 Euro.

„Beute“. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe. Hrsg. von Bénédicte Savoy, Merten Lagatz und Philippa Sissis. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 389 S., Abb., geb., 38 Euro.

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