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: Ein Deutscher im Widerspruch

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Damals in Leipzig, Anfang der fünfziger Jahre, hatte es sich unter uns Studenten herumgesprochen, dass ein Neuer da sei, ein noch ziemlich junger Professor, der gerade aus dem Exil zurückgekehrt war und zu dem es sich lohne hinzugehen. Er spreche atemlos, über die Satzenden hinweg, wisse unendlich viel, zeige das allerdings auch, aber sei eben ganz einfach interessant.

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          Damals in Leipzig, Anfang der fünfziger Jahre, hatte es sich unter uns Studenten herumgesprochen, dass ein Neuer da sei, ein noch ziemlich junger Professor, der gerade aus dem Exil zurückgekehrt war und zu dem es sich lohne hinzugehen. Er spreche atemlos, über die Satzenden hinweg, wisse unendlich viel, zeige das allerdings auch, aber sei eben ganz einfach interessant. Dass er drüben in der Gewifa las, der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät, war zwar ein Handicap, denn das war üblicherweise das Reservat der Genossen. Aber was dieser Hans Mayer über das neunzehnte Jahrhundert, über Heine und Büchner vorzutragen hatte, klang so ganz anders als das, was wir sonst dort oder bei den Germanisten zu hören bekamen.

          Gewiss schien er mit Marx auf gutem Fuße zu stehen; aber das große Panorama von Namen und Tendenzen eines Jahrhunderts, das er vor uns entfaltete, war faszinierend und lag weit jenseits allen offiziellen Kanons, des neuen, angeblich sozialistischen, wie des alten geisteswissenschaftlichen. Sprachgrenzen wurden aufgehoben, neben die Deutschen traten Balzac, Flaubert, Dickens. Und die Perspektiven wurden noch weiter durch die Musik, von der Mayer eine Menge zu verstehen schien, von Berlioz und Mendelssohn zum Beispiel und vor allem von Wagner. Hier, das wurde deutlich, spielte jemand auf einer großen Orgel mit allen Registern: Hans Mayer, geboren zu Köln am 19. März 1907.

          Eines der Register, das Mayer gern zog, führte aus der Geschichte in die Gegenwart. Floskeln, leichthin eingestreut, wie "Brecht sagte mir neulich", verwendbar auch für Namen wie "Frau Seghers" oder "Doktor Becher", verfehlten ihre Wirkung bei jungen, bewunderungsbereiten Studenten nicht. Offenbar ging dieser Mayer bei der kulturellen Prominenz des eben erst gegründeten Staates ein und aus. War das alles staunenerregend, so war etwas anderes achtunggebietend. Mayer hatte gerade ein Buch über Thomas Mann geschrieben, dessen Werk in Leipzig zwar unerreichbar war, der aber 1949 zu Goethes Ehren als gefeierter Staatsbesucher durch die Republik geführt worden war. Ihn selbst also, den Großen, hatte er in der Schweiz besucht, wobei für uns, abgesehen vom Transfer des Hauches von Größe durch den Zwischenträger Hans Mayer, mindestens ebenso aufregend war, dass man tatsächlich in diese Schweiz reisen konnte, vorausgesetzt, dass man durfte.

          Und Mayer durfte. Er würde demnächst, ließ er uns wissen, Vorlesungen halten in München, Tübingen, Zürich, Paris und anderswo in dieser Traumlandschaft des Westens. Verkündet wurden solche Reisepläne gern am Ende der Vorlesung im Pluralis Majestatis: "Wir werden demnächst in Heidelberg (oder Stuttgart oder Rom) über Goethe (oder Lessing oder Kleist oder Brecht oder Thomas Mann) lesen" - eine seltsame Allüre, die offenbar dem Gesprochenen die Würde des Gedruckten geben sollte, wie es sich ja in der Wissenschaft auf lange Zeit nicht gehörte, "ich" zu sagen. Auch das "lesen", wie Mayer es brauchte, stammte wohl daher, denn eigentlich las er ja nicht, sondern sprach frei und hatte in seinem wunderbaren Gedächtnis mehr parat als andere heute in ihrem Laptop.

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