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: Ein Buch ersetzt den Mann im Haus: Künstlerblicke auf lesende Frauen

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"Wir alle sind, was wir gelesen", bekräftigte Golo Mann - aber erst durch das Lesen lernen wir, wieviel man ungelesen lassen kann. Männer lesen, um die Welt besser zu verstehen und danach verändern zu können; Frauen lesen um ihr Leben. "Mit zunehmendem Alter", bekennt Elke Heidenreich in ihrem Vorwort, "werden ...

          "Wir alle sind, was wir gelesen", bekräftigte Golo Mann - aber erst durch das Lesen lernen wir, wieviel man ungelesen lassen kann. Männer lesen, um die Welt besser zu verstehen und danach verändern zu können; Frauen lesen um ihr Leben. "Mit zunehmendem Alter", bekennt Elke Heidenreich in ihrem Vorwort, "werden die Bücher mitunter sogar wichtiger als die Männer." Das hören Herren in keinem Alter gern, und die Rache folgt sogleich: "Männer", schrieb Gottfried Benn, "wollen doch nicht am Gehirn von einer Frau berührt werden, sondern ganz woanders."

          Der lesende ist eben ein privilegierter Zustand: Früher kündete er von jener Muße, wie sie einer Frau nur - vom Manne erworbener - Wohlstand oder aber beunruhigend eigenständiges Denken verschaffte; heute regt sich in der Einsamkeit der Lektüre Widerstand gegen den forciert geselligen Zeitgeist. "Lesen ist ein Akt der freundlichen Isolation", schreibt Stefan Bollmann, der den lesenden Frauen in Bildern vom dreizehnten Jahrhundert bis heute nachgegangen ist. "Frauen, die lesen, sind gefährlich", lautet der Titel seines Bandes - ein Kompliment, das man gern hört, zumal es bekanntlich vor allem Frauen sind, die Bücher nicht nur kaufen, sondern auch lesen. Die Malerei scheint Bollmanns These zu bestätigen. Schon im späten Mittelalter machte die gnadenreiche Erleuchtung, welche die Lektüre geistlicher und religiöser Texte vermittelte, ihre Leserinnen darum zu unberührbaren Heiligen. Auch die büßende Maria Magdalena wird da gern mit einem Buch als Zeichen der Reinheit dargestellt. Dem störrischen Zug um die Mundwinkel und ihrem skeptischen Blick nach zu schließen, scheinen jedoch weder Ambrosius Benson (um 1540) noch Friedrich Heinrich Füger (1808) dem Frieden so recht getraut zu haben.

          Dann weichen die kritischen Zweifel der Darstellung jener neidvoll beäugten verzauberten Intimität zwischen Buch und Leserin, die bis heute anhält. Jacob Ochtervelt zeigt in seinem "Liebesantrag" 1670 die unverhohlene Konkurrenz zwischen Buch und Mann um die Aufmerksamkeit der Frau: Er nimmt die Angebetete beim Arm, doch deren Blicke kleben ungerührt an der Buchseite, so daß der Verehrer unschlüssig wird, ob er seinen Antrag überhaupt angenommen wünscht. Bei Pieter Janssens Elinga vergißt die schmökernde Dienstmagd das Putzen, während Boucher in seinem staatstragenden Porträt der Madame de Pompadour zwischen Blümchen, Schleifchen und Hündchen keinen Zweifel daran läßt, daß diese Dame sich mit Ritterromanen bestimmt nicht abgibt. Mit der Literatur rückte plötzlich die ganze Welt auf die Chaiselongue: Liotard behängt seine "Madame Adélaïde" mit Perlen und hüllt sie in orientalische Gewänder. Das neunzehnte Jahrhundert betont dagegen eher die Empfindsamkeit der häuslichen Leserinnen, die zunächst durchaus familienfreundlich daherkam - bis sie sich ganz auf sich selbst richtete. Der wache Blick dieser Leserinnen verrät, daß es längst nicht mehr um einen angenehmen Zeitvertreib, sondern um die selbstbewußte Erforschung der Welt ging. Wer die Alternative Mann oder Buch scheut, halte sich an Charles Burton Barber: Auf seinem Gemälde von 1879 hält die junge Frau in der einen Hand das aufgeschlagene Buch, mit der anderen drückt sie ihren Hund zärtlich an sich.

          Heikel wird es, wenn die Frauen von ihrer Lektüre aufschauen, wie bei van Gogh oder Vittorio Matteo Corcos - mit einem Blick, in dem weniger sehnsüchtige Verklärung als Entschlossenheit liegt, nicht mehr alles hinzunehmen. Die Bilder verraten aber noch etwas: Lesende Frauen sind schön, aufregend, spannend - und nicht leicht zu erobern. Von der stolzen Wonne, wenn er die auf das Buch gerichtete Hingabe der ein oder anderen auf sich zu lenken vermochte, wußte schon Gottfried Benn ein schönes Lied zu singen. - Bei der jungen Dame, die unsere Abbildung zeigt, läßt Ramón Casas y Carbo uns die Wahl: War es wirklich die Lektüre oder doch eher das Geplänkel mit einem Mann auf dem Ball, von dem sie gerade zurückgekehrt ist, die sie ermüdet hat? (Stefan Bollmann: "Frauen, die lesen, sind gefährlich". Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich. Elisabeth Sandmann Verlag, München 2005. 150 S., zahlr. Abb., geb., 19,95 [Euro].)

          FELICITAS VON LOVENBERG

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