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Behelfsheime des Weltkriegs : Das Haus des eigenwilligen Heimwerkers

Architektur nach dem Prinzip der Wucherung: Die meisten Behelfsheime wurden von ihren Bewohnern immer weiter ausgebaut. Bild: Enver Hirsch und Philipp Meuser

Im Zweiten Weltkrieg entstanden in Deutschland in großer Zahl Behelfsheime für Ausgebombte, später wurden sie um- und ausgebaut. Ein exzellent komponierter Bildband dokumentiert den vom Verschwinden bedrohten Haustypus anhand von Hamburger Beispielen.

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          Die Architekturgeschichte des „Dritten Reichs“ in einem Satz: Viel geplant, wenig gebaut. Und was an Beton und Stahl verfügbar war, wurde vor allem für die Kriegsvorbereitung gebraucht, für Rüstungsanlagen und Bunker. Der Angriffskrieg, der als Bombenkrieg nach Deutschland zurückkehrte, war dann ein großer Architekturzerstörer. In Hamburg etwa wurde durch Luftangriffe der Alliierten fast die Hälfte der Wohnungen vernichtet. Deshalb handelt es sich bei dem zahlenmäßig umfangreichsten Bauerbe, das der Nationalsozialismus in weiten Teilen Deutschlands hinterlassen hat, um sogenannte Behelfsheime. Der spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder ist in einer dieser Baracken, die von den Ausgebombten überwiegend in Eigenarbeit hochgezogen wurden, groß geworden.

          Matthias Alexander
          Redakteur im Feuilleton.

          Die eingeschossigen Behelfsheime, vorwiegend mit leicht ansteigendem Pultdach versehen, maßen zumeist 4,10 auf 5,10 Meter. Zwei Räume mussten auch für vielköpfige Familien reichen, sanitäre Anlagen waren nicht vorgesehen. Als Baumaterial mussten die Bauherren, die doch eher Diener der eigenen Not waren, das verwenden, was in der Kriegsmangelwirtschaft gerade zur Verfügung stand. Es handelte sich um eine ungewollte, dafür umso augenfälligere Annäherung der Volksgemeinschaftsbehausungen an die Architektur der Lager. Die Bauanleitungen lieferte das Deutsche Wohnungshilfswerk, das Robert Ley, dem Reichskommissar für den Sozialen Wohnungsbau, unterstand. Es konnte sich dabei an Entwürfe für Schlichthäuser anlehnen, die im Umfeld des Neuen Bauens um 1930 aufgekommen waren. Diese hatten darauf abgezielt, auch weniger Privilegierten zum Eigenheim zu verhelfen.

          Ein Bildband nimmt sich dieses wenig beachteten Kapitels der deutschen Baugeschichte auf überzeugende Weise an. Die Fotografen Enver Hirsch und Philipp Meuser haben Behelfsheime in Hamburg fotografiert. Als solche sind die gezeigten Bauten oft nur auf den zweiten Blick erkennbar, denn viele Bewohner haben sie in der Nachkriegszeit immer weiter zu vollwertigen Eigenheimen ausgebaut, ohne die gestalterische Anleitung von Architekten, dafür mit der selbstbewussten Eigenwilligkeit des Heimwerkers. Die Idee des wachsenden Hauses, die ebenfalls zur Konzeption der Akteure des Neuen Bauens gehört hatte, fand hier ihre laienhafte Verwirklichung.

          Die Bewohner dieses Heims haben der schlichten Form die Treue gehalten. Bilderstrecke
          Behelfsheime in Hamburg : Was ist aus ihnen geworden?

          Die Fotografen, die zumeist im Licht der frühen Dämmerung tätig wurden, pflegen einen freundlich-dokumentarischen Blick auf das, was aus den Behelfsheimen geworden ist. Auch die Innenansichten von Backsteintapeten, Kiefernholzlatten und Teppichmustern vermeiden jede Denunziation eines vermeintlich defizitären Geschmacks. Der Architekturhistoriker Jan Engelke liefert dazu passend einen klugen, nüchternen Essay, der die Behelfsheime so ernst nimmt wie jede andere Architekturgattung auch. Es ist eine vom Verschwinden bedrohte Hausform, weil der Bestandsschutz zumeist mit dem Tod der ursprünglichen Bewohner erlischt. Etliche der in dem Band gezeigten Bauten, die in vielen Fällen in Kleingartenkolonien stehen, sind inzwischen abgerissen worden.

          Das Buch ist selbst als Patchwork angelegt, allerdings als handwerklich perfekt gemachtes. Bilderstrecke, Auszüge aus den als Bildgeschichten angelegten Bauanleitungen und Textblöcke wechseln sich ab und sind auf unterschiedlichem Papier gedruckt. Ziemlich genau in der Mitte findet sich ein satirischer Einakter von Holger Fröhlich und Julia Lauter, der von einer Gesprächsrunde in einem Behelfsheim handelt, das vor dem Abriss steht, weil eine Wohnungsgesellschaft ein Neubaugebiet plant. Die Persiflage des heutigen Debattenjargons gipfelt in einem geisterhaften Auftritt des alkoholisierten Robert Ley. Solch ein Text kann leicht schiefgehen, in diesem Fall aber funktioniert er.

          Enver Hirsch und Philipp Meuser: „Behelfsheim“. Texte von Holger Fröhlich, Julia Lauter und Jan Engelke. (Englisch/Deutsch) 148 S., Abb., geb., 35,– €. Zu beziehen über: philippmeuser.de/behelfsheim

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