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: Ein Bier geht um die Welt

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Das erste und zugleich problematischste Beispiel des Buches ist der Lebensmittelschutz. Ambrosius muß hier auf eine vergleichsweise magere Forschungslage zurückgreifen, die sich mit einem historisch gewachsenen Konvolut von Regulierungen auseinandersetzt, das wiederum auf untereinander schwach verbundene Regelungsfelder bezogen ist. Die Grundzüge breitet er auf wenigen Seiten aus. Dazu gehören Gesetze wie das Nahrungsmittelgesetz von 1879 sowie spezielle Felder wie Qualitätsstandards von Wein, Bier und Fleisch. Überall rangen Verbraucher, Industrielle und Politik miteinander, jede Gruppe wiederum nicht mit unveränderlichen Interessen, sondern in wechselnden Allianzen um ihnen günstig erscheinende Regulierungen, vermehrt um territoriale Besonderheiten in Normsetzung und -durchsetzung.

Bei den Standards der Bierproduktion etwa und auch der sonstigen Lebensmittelkontrolle gaben sich die Bayern scharf, Preußen war eher lasch. International existieren keine Rechtsnormen, wohl aber faßte 1874 ein internationaler wissenschaftlicher Kongreß einen Beschluß, daß Cerealien und Hopfen zum Brauen notwendig sind, damit es sich um "Bier" handelt. Anders beim Zucker, für den sogar ein multilateraler zwischenstaatlicher Vertrag geschlossen wird, allerdings mit völlig anderem Regelungsgehalt: 1902 wird die Internationale Zuckerkonvention vereinbart, die sich, mit einiger Machtfülle ausgestattet, primär um Überproduktion und Besteuerung kümmerte.

In seinen Hypothesen zu diesem Regulierungsfeld ist Ambrosius angemessen umsichtig. Er erklärt die nationalstaatliche Reregulierung und die Harmonisierung der Lebensmittelkontrolle im Deutschen Reich mit Protektion vor Konkurrenz von außerhalb; eine nationale Konvergenz der Normen konnte aus seiner Sicht stattfinden, weil der Wirtschaftsraum nach 1871 einen vergleichsweise hohen Integrationsgrad aufwies. Für einen Institutionenwettbewerb bestanden weder hier noch zuvor im Deutschen Bund dauerhaft Anreize. Beim Bier gerät das bayerische Reinheitsgebot zum Wettbewerbsvorteil, das deswegen in abgemilderter Form im Gesetz verankert wird. Dem heutigen Leser, den Lebensmittelskandale tief verunsichern, kommt dieses komplexe Regulierungsmuster bei aller Zeitgebundenheit gar nicht so unvertraut vor. Etwas ratlos zeigt Ambrosius sich bei der selbstauferlegten Prüfung, ob die Zuckerkonvention eine Produkt- oder eine Prozeßregulierung darstellte. Daß er dieses analytische Kriterium, das auch später beim Patentrecht stumpf bleibt, dennoch beibehält, überzeugt den Leser nicht ganz.

Überhaupt staunt der Leser über so manches sperrige Theoriegeschütz, von dem die Zunft der Ökonomen zumindest in der Vergangenheit erwartet hatte, daß es zündet. So liest man in einem Nebensatz bei Ambrosius, daß "Staaten in neueren Ansätzen nicht mehr als monolithische Gebilde mit einheitlichen Interessen aufgefaßt" würden - eine geradezu anrührend naive Annahme, die nur aus kompletter Modellfixierung der Ökonomie in Verbindung mit Geschichtsblindheit erklärt werden kann.

Immer noch zu stark scheint gleichwohl die Fixierung auf den Staat als Akteur, zu gering der Stellenwert, der anderen Formen von Regulierung zugemessen wird. Von den sehr schematischen Deutungsmustern bei den Intentionen der Akteure ganz zu schweigen. Hier hat die Ökonomie von der Geschichtswissenschaft und insbesondere solchen differenzierenden Büchern wie dem von Ambrosius einiges zu lernen.

MILOS VEC.

Gerold Ambrosius: "Regulativer Wettbewerb und koordinative Standardisierung zwischen Staaten". Theoretische Annahmen und historische Beispiele. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005. 227 S., br., 36,- [Euro].

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