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Bestimmbuch für Giftpflanzen : Nimm dich in Acht vor Eisenhut

Wenige Milligramm seines Gifts reichen, um den Gartenfreund samt Nachwuchs ins Jenseits zu befördern: blauer Eisenhut. Bild: Picture-Alliance

Nachbarn um die Hecke bringen oder den Nachwuchs vor der Natur im Reihenhausgarten schützen: Ein Bestimmbuch warnt vor heimischen Giftpflanzen.

          Junge Eltern sind nicht zu beneiden, liest man immer wieder. Da hat es endlich geklappt mit dem Partner und dem Job und dem Kinderkriegen und dann ist die Wohnung zu klein, vierter Stock ohne Fahrstuhl, unten der Kampf um die Parkplätze und überhaupt: Die Familie muss ins Grüne. Oder was man so nennt. Reiheneckhaus mit hundert Quadratmetern Garten.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Da kommt dann eine Thujahecke hin. Und das ist der erste Fehler. Der Name Thuja sagt es schon, dass dieses Gewächs Thujone enthält, starke Nervengifte, die Verwirrtheit, epileptische Krämpfe, Halluzinationen und Wahnvorstellungen hervorrufen können, wie sie zu Zeiten eines Toulouse-Lautrec unter Absinthtrinkern gang und gäbe waren. Besonders giftig sind die Zweigspitzen und die Zapfen, weshalb man gut beraten ist, beim Heckenschneiden Handschuhe zu tragen. Scheinzypressen, ähnlich beliebt in Deutschlands Vorstadtsiedlungen, sind in dieser Hinsicht übrigens nicht besser.

           Besonders giftig sind die Zweigspitzen und die Zapfen: Thuja.

          Wir lernen das und manches andere aus dem Buch „Giftpflanzen in unserer Umgebung“, verfasst von dem Biologen Harald Jockusch und dem Naturfreund Fritz Schade, der die Zeichnungen beigesteuert hat. Keine gute Idee wäre es demnach, den hübschen blauen Eisenhut anzupflanzen, dessen Blüten einem Landsknechthelm ähneln.

          Die Lektüre ist nichts für ängstliche Gemüter

          Er enthält in allen seinen Teilen Aconitin, ein Alkaloid, welches die Ionenkanäle von Muskel- und Nervenzellen blockiert und in seiner Wirkung dem Tetrodotoxin des Kugelfischs ähnelt, indem es das Opfer bei vollem Bewusstsein lähmt, bis der Tod durch Herzstillstand eintritt. Das Gift wird bei intensivem Kontakt mit der Pflanze auch über die Haut aufgenommen, wenige Milligramm reichen, um den Gartenfreund samt Nachwuchs ins Jenseits zu befördern.

          Einen Becher seines Saftes soll Sokrates freudig gefasst geleert haben: Gefleckter Schierling.

          Wer botanisch nicht ganz sattelfest ist, kann den Eisenhut mit dem Rittersporn verwechseln. Dessen Wirkung (Magenreizung, Durchfall) ist zwar nicht ganz so teuflisch, aber wer mit seinen Blüten das Zitronensorbet dekoriert, sollte doch besser keine Gäste einladen. Auch manche Wildkräuter sind nicht so gesund, wie allgemein geglaubt wird. Die Hundspetersilie zum Beispiel, die sich schnell mal ins Kräuterbeet einschleicht und vom Unkundigen vielleicht für Kerbel gehalten wird, verursacht Brennen im Mund, bleiche Haut, kalten Schweiß, einen beschleunigten Puls und Pupillenerweiterung. Die Hundspetersilie gehört zu den Doldengewächsen, einer Pflanzenfamilie, in der sich neben Möhren, Dill, Liebstöckel und Kümmel auch der Gefleckte Schierling findet. Einen Becher seines Saftes soll Sokrates freudig gefasst geleert haben – man sollte es ihm nicht nachtun.

          So geht das weiter und weiter. Das Buch zählt mehr als vier Dutzend Pflanzen auf, die mehr oder weniger toxisch sind. Wer um Leib und Wohlergehen seiner Lieben fürchtet, sollte zunächst alle Hahnenfußgewächse verbannen. Dazu zählen Schmuckstücke wie die Christrose, der Winterling, die Anemone und die Akelei, aber auch diverse „Butterblumen“, die sich bei näherer Betrachtung als lästig kriechende Unkräuter erweisen. Kinder sind ganz verzückt, wenn sie im Frühjahr ein Tränendes Herz entdecken, aber auch davor wird gewarnt, denn es ist mit dem Mohn verwandt und teilt sich mit ihm einige Inhaltsstoffe.

          Apropos Mohn: Er keimt zwar willig und ist schön anzuschauen, doch für den Anbau von Echtem Mohn braucht man streng genommen eine Genehmigung der Bundesopiumstelle. Wächst der eigene Nachwuchs heran, sollte man ein Auge darauf haben, ob er ein spezielles Interesse an Gewächsen wie dem Bittersüßen Nachtschatten, dem Schwarzen Bilsenkraut, dem Stechapfel, der Tollkirsche oder der Engelstrompete entwickelt.

          Seine Samen enthalten eines der stärksten Pflanzengifte überhaupt, ein Gegenmittel ist nicht bekannt: Rizinus-Staude.

          Allen wird eine halluzinogene Wirkung zugeschrieben, doch die Dosierung ist heikel. Wer nach ein paar Jahren Streit im Reihenhaus allerdings seinen Nachbarn um die Ecke bringen will, ist bestens mit einem Rizinus-Strauch bedient, denn dessen Samen enthalten eines der stärksten Pflanzengifte überhaupt. Seine besondere Tücke besteht darin, dass es erst nach Stunden oder Tagen seine Wirkung in Form eines tödlichen Nieren- beziehungsweise Leberversagens zeigt und kein Gegenmittel bekannt ist.

          Insgesamt ist die Lektüre dieses kleinen Ratgebers nichts für ängstliche Gemüter. Die junge Familie könnte versucht sein, auf der Stelle in die Stadt zurückzukehren, wo bloß Taubenschiss und Feinstaub lauern. Natur braucht eben stärkere Nerven.

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