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: Ein Bedauern hat es nie gegeben

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WARSCHAU, im JanuarEs kam, wie es kommen musste: Das neue Buch von Jan Tomasz Gross, in dem es um den Antisemitismus unmittelbar nach dem Holocaust in Polen geht, löst allgemeine Empörung aus. Selbst in seriösen Zeitungen konnte man schon vor dem Erscheinen des Buches am vergangenen Freitag lesen, ...

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          WARSCHAU, im Januar

          Es kam, wie es kommen musste: Das neue Buch von Jan Tomasz Gross, in dem es um den Antisemitismus unmittelbar nach dem Holocaust in Polen geht, löst allgemeine Empörung aus. Selbst in seriösen Zeitungen konnte man schon vor dem Erscheinen des Buches am vergangenen Freitag lesen, es enthalte viele falsche Darstellungen, es sei das Machwerk eines Soziologen, der sich als Historiker ausgebe, es sei gegen Polen insgesamt gerichtet. Und der polnisch-jüdischen Versöhnung werde es nicht dienen.

          Einige der Kritiker kannten die englische Version "Fear. Anti-Semitism after Auschwitz", die seit einem Jahr vorliegt und über die sich etwa Eli Wiesel enthusiastisch geäußert hatte. Aber "Angst" ist keine bloße Übersetzung. Gross, der 1968 nach den von den Machthabern initiierten antisemitischen Ausschreitungen Polen verließ, hat es für die Polen neu geschrieben. Übrigens erscheint es bemerkenswerterweise im ehrwürdigen Krakauer Verlag "Znak", der als kirchennah gilt.

          Im Gegensatz zu den "Nachbarn", Gross' Studie über das Massaker von Jedwabne, über die im Jahre 2000/2001 so heftig diskutiert wurde, enthält "Angst" kaum Fakten, die nicht schon irgendwie bekannt sind. Über die antisemitischen Stimmungen unmittelbar nach dem Holocaust, die pogromartigen Ereignisse in verschiedenen polnischen Ortschaften und den Pogrom in Kielce am 4. Juli 1946 weiß man Bescheid, wenn auch die wenigsten daran erinnert werden wollen. Ein Bedauern darüber, dass danach, zur Jahreswende 1946/47, Zehntausende polnischer Juden, die zum großen Teil in der Sowjetunion überlebt hatten, das Land über die Tschechoslowakei in Richtung Österreich verließen, um schließlich ihre Odyssee vorläufig in DP-Lagern in Süddeutschland zu beenden, hat es nie gegeben.

          Es war kein Zufall, dass gleich am Tag nach dem Erscheinen eine Art Gegendarstellung unter dem Titel "Po Zagladzie" (Nach dem Holocaust) des Historikers Marek Jan Chodakiewicz erschien. Er lehrt wie Gross in den Vereinigten Staaten und sucht die Situation der Juden nach der Gründung des volkspolnischen Staates im Juli 1944 in einer anderen Art und Weise zu beschreiben. Er streitet die antisemitischen Stimmungen in Polen zwar nicht generell ab, aber nach seiner Meinung war alles komplizierter. Man dürfe nicht vergessen, dass die kommunistischen Machthaber damals jeden Mord an Juden den Feinden des neuen Regimes, die sie allesamt als Faschisten betrachteten, anlasteten. In Interviews verweist Chodakiewicz gern auf einen von ihm entdeckten Fall, bei dem zwei Juden nicht von der antikommunistischen Organisation WiN (Freiheit und Unabhängigkeit) ermordet worden seien, wie es bisher hieß, sondern von zwei sowjetischen Soldaten, die die beiden Juden ausraubten und sie danach niederschossen.

          Die mittelalterlichen Vorurteile vom Ritualmord dürfe man auch nicht so wörtlich nehmen. In jener Zeit sei es verboten gewesen, Juden für ihre Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst, der polnischen Stasi, direkt anzuklagen, daher habe man anderes als Vorwand genommen, um seine Gegnerschaft gegen die neue, von den Sowjets unterstützte Ordnung zu demonstrieren. Immerhin seien dreißig Prozent der Stasi-Offiziere Juden gewesen (wenn, so wäre hinzuzufügen, man Juden im Geiste der Nürnberger Gesetze definiert).

          Seit der Jedwabne-Debatte von 2001 hat sich die Erinnerung an den recht massiven Widerstand gegen das Sowjetregime seit 1944 im Kollektivbewusstsein vertieft, wodurch die Argumente von Chodakiewicz gegen Gross breites Gehör finden werden. In einer ersten Reaktion zu Gross wurde auf einen Atlas verwiesen, der die vielen Orte verzeichnet, in denen es zwischen 1944 und 1956 einen antikommunistischen Widerstand gegeben hat. Im ersten Augenblick fragt man sich, was das eine mit dem anderen zu tun habe, aber es ist ein Hinweis darauf, dass man den Antisemitismus nach dem Holocaust in Relation dazu sehen müsse.

          Gross hält dem wiederum entgegen, dass Hunderttausende von Polen in dieser Zeit in die Kommunistische Partei eingetreten waren. Er verweist auch immer wieder darauf, dass die Ermordung der Juden ganz offen vor den Augen der nichtjüdischen Bevölkerung stattfand. Im Gegensatz zu anderen Ländern erlebte die Bevölkerung nicht nur, dass die ihnen bekannten Juden unter dem Deckmantel der "Umsiedlung" in Richtung Osten transportiert wurden, sondern auch, dass ihre Nachbarn vor Ort oder in unmittelbarer Nähe in den Tod geschickt wurden.

          Die Debatte hat erst begonnen. Sie wird sich verschärfen, da die Staatsanwaltschaft von Krakau, wo der Verlag "Znak" seinen Sitz hat, gegen Gross eine Untersuchung eingeleitet hat. Sie will nach einem seit kurzem geltenden und höchst umstrittenen Paragraphen sein Buch daraufhin untersuchen, ob es dem polnischen Volk nicht öffentlich unterstelle, an den faschistischen oder kommunistischen Verbrechen teilgenommen zu haben.

          Gestern nun hat auch der Krakauer Erzbischof Stanislaw Dziwisz den Verlag Znak scharf angegriffen: Ein Verlag habe die Aufgabe, die Wahrheit über die Vergangenheit zu vermitteln, statt "Dämonen des Antipolentums und des Antisemitismus" zu erwecken. Dziwisz warnt vor "nationalen Spannungen" in Polen, die eine Darstellung "willkürlich ausgewählter Fakten" auslösen könnte. Der Verleger Henryk Wozniakowski erwiderte darauf, dass er mit der Publikation "Überreste des Antisemitismus in der polnischen Gesellschaft" überwinden wollte. Es wird in dieser Debatte, soviel zeichnet sich bereits heute ab, sowohl um das polnische Selbstbild als auch um Fragen der Meinungsfreiheit gehen.

          KAROL SAUERLAND

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