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Der Parlamentarische Rat : Der Weg zum Grundgesetz

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Die Frauen im Rat: Friederike Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Weber, Helene Wessel (von links) Bild: Erna Wagner-Hehmke/Stiftung Haus der Geschichte

Gegen alle Widerstände: Ein Band zeigt Erna Wagner-Hehmkes Fotografien rund um den Parlamentarischen Rat aus den Jahren 1948 und 1949.

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          Es wird auf ewig ein Rätsel bleiben, wie das möglich war: im physisch und mental verwüsteten (West-)Deutschland, das soeben unfassbare Schuld auf sich geladen hatte, in Rekordtempo eine der bestmöglichen demokratischen Verfassungen der Welt auszuarbeiten. Wie außergewöhnlich diese Leistung aus dem Jahr 1948/49 war, sieht man schon daran, dass sich – mit unbedeutenden Ausnahmen – bis heute das gesamte politische Spektrum von links außen bis stramm konservativ gleichermaßen vor dem Grundgesetz verneigt.

          Dass die Arbeit des Parlamentarischen Rats unter dem Vorsitz von Konrad Adenauer (CDU) – den Hauptausschuss leitete Carlo Schmid (SPD); auch Theodor Heuss (FDP) und Elisabeth Selbert (SPD) spielten eine gewichtige Rolle – so erfolgreich war, liegt in erster Linie daran, dass die versammelten Pragmatiker, darunter kaum NS-Belastete, viel Erfahrung mitbrachten und beim Verfassungskonvent von Herrenchiemsee wertvolle Vorarbeit geleistet worden war. Aber es hat wohl auch eine Menge zu tun mit der konstruktiven, von Aufbau, Modernität und gelungener Improvisation geprägten Atmosphäre der Beratungen in der (ehemaligen) Pädagogischen Akademie in Bonn, einem baulich bald zum „Bundeshaus“ (Bundestag und Bundesrat) erweiterten Bauhaus-Ensemble von 1933.

          Erna Wagner-Hehmke und Helge Matthiesen: „Für immer Recht und Freiheit“. Der Parlamentarische Rat 1948/49.
          Erna Wagner-Hehmke und Helge Matthiesen: „Für immer Recht und Freiheit“. Der Parlamentarische Rat 1948/49. : Bild: Greven Verlag

          Nirgends sonst ist diese konzentrierte Atmosphäre so gut eingefangen und immer noch in all ihrer Unmittelbarkeit zu erleben wie in den teils inszenierten, teils spontanen, stets aber unbefangen direkt wirkenden Aufnahmen von Erna Wagner-Hehmke, einer auf Industriefotografie spezialisierten Düsseldorfer Fotografin, die die gesamten Beratungen mit der Kamera begleitete. Beinahe drollig wirkt der Grund für den damals ungewöhnlichen Dauereinsatz: Hermann Wandersleb, der Leiter der Staatskanzlei von NRW, ließ den Teilnehmern nach getaner Arbeit Erinnerungsalben mit nach Hause geben. Die von Wagner-Hehmke individuell zusammengestellten Alben mögen neben den städtischen Bemühungen, die hohen Gäste mit Kost und Logis zu verwöhnen, ihren kleinen Teil zum Erfolg der Bewerbung Bonns als neue Bundeshauptstadt (am 10. Mai 1949) beigetragen haben.

          Die neusachlichen Fotografien Wagner-Hehmkes wurden bereits 1987 von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erworben. Jetzt sind ihre Aufnahmen rund um den Parlamentarischen Rat – vollständiger als je zuvor – in einem wunderbaren, hochwertig gedruckten Bildband versammelt, den Helge Matthiesen kuratiert und mit klugen Texten zur Bedeutung und zur alltäglichen Arbeit dieses Gremiums ergänzt hat. Ikonische Aufnahmen sind darunter, etwa von Konrad Adenauer kurz vor der Wahl zum Präsidenten des Rats oder von der Unterzeichnung des Grundgesetzes. Begeistern aber dürften vor allem die vielen zwanglosen Bilder: Debatten in kleinem Kreis; Feierrunden auf Hotelterrassen; späte Restaurantszenen; Carlo Schmid im Stau; Adenauer im Biergarten. Mitunter wirken die Bilder sogar wie gelungene Schnappschüsse, etwa vom Richtfest auf der Baustelle des neuen Plenarsaals oder von der Caféterrasse des neuen Bundeshauses.

          Carlo Schmid (SPD) leitete den wichtigen Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates.
          Carlo Schmid (SPD) leitete den wichtigen Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates. : Bild: Stiftung Haus der Geschichte/ Erna Wagner-Hehmke

          Besonderes Augenmerk legte Wagner-Hehmke auf die wirkmächtigen Mütter des Grundgesetzes, vier Frauen unter 73 Männern, denen die Verankerung der Gleichberechtigung von Mann und Frau in der als provisorisch gedachten Verfassung gelang. Bescheiden, aber entschieden blicken sie uns an auf einem gemeinsamen Porträt, ganz anders als die sich körpersprachlich oft triumphal gerierenden Männer.

          Auffällig ist eine erstaunliche Heiterkeit und Jovialität auf vielen Bildern, die zum Ernst der Lage und der Härte der Diskussionen auf den ersten Blick nicht unbedingt zu passen scheinen, die jedoch erklären mögen, warum die Atmosphäre eine so kooperative war. Man spürte offenbar die Euphorie, inmitten der Ruinen Teil, ja, Vorreiter einer neuen Zeit zu sein. Zu einem wuchtigen Satz geronnen, eröffnet dieses neue Selbstverständnis den ausgearbeiteten Text: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Gegen alle Widerstände – die alliierten Gouverneure sahen die Vorgaben der Frankfurter Dokumente nicht optimal umgesetzt; die Teilnehmer von KPD, Zentrum, Deutsche Partei und CSU (6 von 8) stimmten gegen das Grundgesetz – haben es die Mitglieder des Parlamentarischen Rats tatsächlich geschafft, dass am 8. Mai 1949 eine der langlebigsten modernen Verfassungen angenommen wurde. Erna Wagner-Hehmke hat diesem Erfolg ein ästhetisches Denkmal gesetzt.

          Erna Wagner-Hehmke und Helge Matthiesen: „Für immer Recht und Freiheit“. Der Parlamentarische Rat 1948/49. Greven Verlag, Köln 2022. 140 S., Abb., geb., 30,– €.

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