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Egon Flaig: Die Mehrheitsentscheidung. Entstehung und kulturelle Dynamik : Gut war’s auf der Agora unter freien Männern

  • -Aktualisiert am

Bild: Ferdinand Schöningh Verlag

Der Autor ist sauer: auf Minderheiten mit Vetorecht, auf Aushandlungen im parlamentarischen System, auf Parteien; geradezu ungehalten ist er über die Hybris

          5 Min.

          Der Autor ist sauer: auf Minderheiten mit Vetorecht, auf Aushandlungen im parlamentarischen System, auf Parteien; geradezu ungehalten ist er über die Hybris der Moderne und die Unterschätzung der Antike, mithin auf die Systemtheorie, auf Habermas (“drollige Vorstellung“, „logischer Unfug“), auf die siebziger Jahre, die „Wortführer aus den stalinoiden K-Gruppen“, auf die „geradezu besinnungslose“ Argumentation mancher Kollegen. Mit Seneca seufzt er: Inter peritura vivimus - wir leben inmitten des Verfalls.

          Grundlage von Egon Flaigs Verdikt ist der Mehrheitsentscheid. Er habe im alten Griechenland Geltung beansprucht, während „unsere Kultur“ dabei sei, sich „grußlos“ von ihm zu verabschieden. Die Mehrheitsentscheidung aber sei der Ursprung der Demokratie und: ja, auch der Wissenschaft. Denn sie bedeutet nicht nur Gleichheit und ermöglicht kollektive Entscheidungs- und Handlungseffizienz. Sondern sie zwingt zur streng logischen Argumentation, um eine Mehrheit gewinnen zu können, und bringt damit wissenschaftliches Denken hervor. Daher sieht Flaig seine Aufgabe in der „Rückbesinnung“ auf „die kulturelle und historische Bedeutung der Mehrheitsregel“, sozusagen als Weckruf, um uns auf den Pfad der „reinen“ Demokratie zurückzuführen. Die altertümliche Schlichtheit, mit der Flaig seine monokausale Argumentation vorantreibt, erstaunt.

          Die Kirche verabschiedet sich von der Debattenkultur

          Dabei hat Egon Flaig auf den sechshundert Seiten seines Buches ein beeindruckendes Wissen über die Mehrheitsentscheidung im europäischen und außereuropäischen Raum zusammengetragen. Wenn man über die kulturpessimistische Rahmenhandlung hinwegsieht, wirkt seine Studie über viele Seiten überzeugend. Dann lässt sich auch verschmerzen, dass weite Teile des Buches wie die über altindische oder jüdisch mittelalterliche Wahlpraktiken für seine Kernthese (Untergang des Abendlandes durch Untergang des Mehrheitsentscheides) entbehrlich sind. Mit seinem interdisziplinären Interesse und dem anthropologischen Zugriff bringt Flaig erstaunliche Zusammenhänge ans Licht.

          Etwa die Bedeutung von Architektur und Akustik für eine Volksversammlung - und wie sich die spätantike Kirche von der Debattenkultur verabschiedete, indem sie ihre Konzilien in Basiliken oder Bädern abhielt. Flaig zeigt zudem den Stellenwert des Performativen, wenn er die hierarchisierende Diskussion im römischen Senat nachzeichnet und die gleichmachende Stimmenabzählung nicht nur in Athen beleuchtet.

          Der unschuldige Blütenduft der Antike

          Eindrucksvoll ist auch der Hinweis auf den Zeitfaktor: die Funktionstüchtigkeit von antiken Mehrheitsentscheidungen gegenüber der mühsamen Konsensfindung in den tagelangen Debatten bei den ostafrikanischen Gamo; und die Schnelligkeit von Versammlungen, in denen das Händeheben ausreichte, im Vergleich zur aufwendigen Abstimmung im antiken Rom, wo die Männer einzeln durch „Stimmpferche“ treten mussten. Auch grundsätzlichere Fragen werden dann bedenkenswert: Wie hängt die Effizienz einer politischen Gemeinschaft mit der Praxis des Konsenses oder des Majoritätsprinzips zusammen? Verhindern moderne Aushandlungsprozesse eine schlagkräftige Krisenpolitik? Welche performative Bedeutung besitzen geheime Wahlen mit Wahlkabine und Stimmzetteln?

          Einen Großteil des Buches aber nimmt die Beschreibung der griechischen Welt ein. Und hier wird vieles schief, weil Flaig partout auf ihrer Vorbildfunktion für die Neuzeit beharrt. Er erzählt von einem tugendhaften Volk unter dem milden Himmel der Ägäis, das, in reiner Demokratie und freier Diskussion lebend, Wohlstand und Wissenschaft hervorbringt. Nur wie von Ferne dringt in den Blütenduft von Flaigs Antike der Ruch, der unsere Ideale von den archaischen Welten trennt: die Ermordung unterworfener Völker, die Abwesenheit der Frauen, die Sklaven als Grundlage der Ökonomie. Doch auch wenn Flaig penibel alle Denker aufzählt und zurückweist, die seit dem achtzehnten Jahrhundert vor einer Übertragung antiker Verhältnisse auf moderne Zeiten warnen: ihr Einspruch bleibt bestehen.

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