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Edward W. Said: Orientalismus : Die Revolution eines Orchideenfachs

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Bild: Verlag

Ein Klassiker, neu übersetzt und mit wichtigen Zusätzen aktualisiert: Edward Saids Buch „Orientalismus“ hat Politik und Wissenschaft in Aufruhr versetzt. Die These, dass der Orient nur ein westliches ideologisches Konstrukt sein, provoziert nach wie vor.

          Haben westliche Orientforscher, aber auch Schriftsteller wie Flaubert oder Nerval, Dichter wie Matthew Arnold und Maler wie Ingres dazu beigetragen, den Orient erst zu schaffen und damit den Orientalen „orientalisiert“ mit dem Ziel, ihn im Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus leichter und besser beherrschen, sprich unterdrücken zu können? Und wenn es so war, taten sie das wissentlich oder mehr indirekt, als Angehörige einer bestimmten, eben der westlichen, seit Aischylos (Perserkriege) und Aristoteles (der zwischen Griechen und Barbaren unterschied) in ihren abgrenzenden Kategorien befangenen „westlichen“ Kultur, die sich seit den Tagen des Kolumbus anschickte, in alle Erdteile auszugreifen?

          Mit dieser These, dass „der Orient“, wie man ihn im Westen vor Augen habe, in Wirklichkeit ein ideologisches Konstrukt namens „Orientalismus“ sei, befasste sich im Jahre 1978 der in Princeton lehrende palästinensische Literaturprofessor Edward W. Said in seinem zu Berühmtheit gelangten Buch „Orientalism“, das schon wenig später, 1981, auf Deutsch erschien und zu einem Zeitpunkt für Debatten sorgte, da in Iran „islamische Revolutionäre“ den prowestlichen Schah stürzten und eine Ordnung auf islamisch-religiöser Grundlage zu errichten im Begriffe waren. Der Autor erweiterte und vertiefte seine These 1994 in dem Werk „Culture and Imperialism“, von der Orientalistik weg hin zu den Kulturwissenschaften generell.

          Eine Entlastung der Muslime?

          Edward Said, bis zu seinem Tod 2003 ein enger Freund des Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim und Mitinitiator des „Westöstlichen Divan-Orchesters“, 1935 in Palästina geboren und - wie er schreibt - „in zwei britischen Kolonien aufgewachsen“, Palästina und Ägypten, wollte provozieren, bewusst einseitig sein - was ihm auch gelang. Sosehr ihm viele im Sinne einer Eurozentrismus-Kritik zugestanden, dass es, sei es unter christlich-missionarischen, sei es unter imperialistischen Vorzeichen, mit der „Wertfreiheit“ der Orientforschung, erst recht bei ohnehin subjektiven künstlerischen Darstellungen gewiss gehapert habe, so sehr waren andere westliche Gelehrte, etwa Montgomery Watt, Albert Hourani oder - dieser ganz besonders - Bernard Lewis, der Meinung, dass er mit seiner pauschalen These über das Ziel hinausgeschossen sei. Es gibt sogar muslimische Kritiker, wie Sadiq Dschalal al Azm oder den Dissidenten Ibn Warraq („Defending the West“), die Saids These vehement widersprechen und sie im Grunde als kontraproduktiv für eine Erneuerung des Islams bezeichnen. Ibn Warraq sieht in Saids Argument eine „Entlastung der Muslime“, die ihren selbstgerechten Eigendünkel verfestige und den sowieso großen Mangel an Kritik und Selbstkritik noch stabilisiere. Ibn Warraq - um dies richtig einordnen zu können - versteht sich als so etwas wie der Bertrand Russell des Islams.

          Immerhin wurde Saids These, auch unter dem Eindruck aktueller politischer Einseitigkeiten und Verzerrungen, wie man sie vor allem im Palästina-Konflikt auf westlicher Seite bis heute beständig ausmachen kann, von anderen eine in jedem Fall bedenkenswerte Schlüssigkeit zugestanden; etwa in dem Sinne, dass kulturwissenschaftliches Erkenntnisstreben sich eben nicht im luftleeren Raum abspiele, dass es zumindest für Interessen instrumentalisiert werden könne und dass das natürlich auch nachweislich vorgekommen sei, im Orient wie anderswo.

          Ein Klassiker in Neuauflage

          Die jetzt erschienene Neuauflage des Buches, gleichzeitig eine neue, gut lesbare Übersetzung von Hans Günter Holl, der aus aktuellen Anlässen ein Nachwort Saids von 1994 und ein Vorwort von 2003 hinzugefügt wurden, wird die Diskussion unter Orientalisten und Kulturwissenschaftlern weiterhin anregen, zumal sich nach dem „11. September“ die Verhältnisse noch massiv zugespitzt haben. Ein Klassiker seines Genres ist das Buch längst. In der ersten Ergänzung antwortet Said seinen Kritikern, insbesondere seinem „Intimfeind“ Lewis, im zweiten Zusatz ist der damals gerade laufende Irak-Krieg Anlass für Aktualisierungen, die uns noch heute bewegen und dies weiterhin tun werden.

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