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Edward O. Wilson: Die soziale Eroberung der Welt : Zuerst die Ameisen und dann die ganze Welt

Klar ist dagegen, dass es sich im Fall der Geschichte des Menschen noch seltsamer ausnimmt. Denn nun kommt die beschleunigte kulturelle Entwicklung ins Spiel, die sich von den Kräften der natürlichen Selektion freispielt, ja sie auch konterkarieren kann. Das weiß Wilson natürlich, aber er tut sein Möglichstes, diesen Zusammenhang im Ungefähren zu lassen. Man weiß bei ihm nie so recht, wo auf der Zeitachse er sich gerade befindet: ob er gerade über Entwicklungen spricht, in denen es um die ersten Ansätze zu kulturellen Transmissionen geht, bei denen eine gleichzeitige Wirkung der natürlichen Selektionskräfte immerhin plausibel ist, oder Millionen Jahre später innerhalb kulturell dominierter Entwicklungen oder am Ende bereits nahe der Gegenwart.

Ein Mantra für’s Weltbild

Dafür aber prägt Wilson seinen eigenen Begriff „epigenetischer Regeln“, die irgendwie dafür einstehen sollen, dass die natürliche Selektion immer präsent bleibt. Die konkreten Beispiele dafür sind mager und nicht verallgemeinerbar. Aber auch das ficht Wilson nicht an. Er möchte unbedingt via einer möglichst langen Naturgeschichte und seiner Gruppenselektion zu einer biologischen Antwort darauf kommen, was es mit uns eigentlich auf sich hat, oder in seinen eigenen Worten: zu einer „Definition der menschlichen Natur“. Und die liegt bei ihm in dieser These: dass die natürliche (Individual-)Selektion letztlich für alle fatalen Neigungen, die Gruppenselektion dagegen für alle als gut bewerteten Eigenschaften verantwortlich sei. Eigensucht, Feigheit und Verrat auf der einen Seite treten gegen Ehre, Moral und Opfergeist auf der anderen an. Das ist der Reim, der auf alles passen soll, der „Kampf, der im Gehirn jedes Menschen tobt“.

Man reibt sich ungläubig die Augen, wenn man zum ersten Mal auf diese Behauptung stößt. Aber es hilft nichts, unzweifelhaft ist, dass es Wilson zuletzt um sie geht. Sie soll erweisen, dass die Biologie doch das letzte Wort hat. Denn da bleibt sich Wilson treu: Die Künstler ahnen, die Philosophen verrennen sich, die Sozialwissenschaftler bleiben an der Oberfläche hängen, Psychologen sind immer noch die Ahnungslosen, die an eine grenzenlos formbare Natur des Menschen glauben - nur die Biologie à la Wilson enthüllt das menschliche Wesen. Und kann dann zum Beispiel angesichts frenetischer Fußballfans und Konflikten aller Größenordnungen darauf hinweisen, dass Gruppeninstinkte nun einmal naturgeschichtlich tief sitzen, obwohl wir mittlerweile über mehr Nahrung und Territorien verfügen.

Grandiose Unterbietung

Bei solchen Diagnosen scheint Wilsons Weltbildanspruch erst eingelöst. Was er an Überlegungen zur Menschwerdung dazu noch referiert, etwa zur Entstehung der Sprache, der Religion und Kunst, liest man bei anderen Autoren genauer und - sofern eine forciert naturalistische Agenda ins Spiel kommt - zumindest etwas gewitzter; und vor allem ohne Wilsons grundierende Spekulationen und Vorannahmen.

So ist ein Buch herausgekommen, in dem ein Insektenforscher sich noch einmal die Welt nach einfachem Rezept zurechtlegen möchte. Als „biologische Geschichte des Menschen“, wie es der Untertitel der deutschen Ausgabe gut resümiert. Sie führt vor allem vor Augen, wie man es mit Biologie samt zurecht geschneiderter „Evolutionstheorie“ übertreiben kann, um im Namen letzter Erklärungsansprüche geläufige Einsichten auf dem Feld der Wissenschaften vom Menschen zu unterbieten.

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