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Bücher zum Ende der Welt : Auswege für Post-Apokalyptiker

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Das Ende, so wie es der Maler John Martin sah: „The Great Day of His Wrath“, 1851/53 Bild: Picture-Alliance

Soll die Menschheit das Weltall besiedeln oder doch lieber versuchen, die Erde zu retten? Zwei ganz unterschiedliche Bücher wägen Szenarien des Untergangs ab.

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          Das Ende der Welt ist nah: Evangelikale in den Vereinigten Staaten gehen davon aus, dass es bald so weit sein wird. Doch wie genau sich so ein Weltende vollziehen würde, darüber gehen die Vorstellungen der Gemeinden auseinander. Konkreter – weil naturwissenschaftlich prognostizierbar oder zumindest modellierbar – sind dagegen die Vorstellungen von einem vom Menschen herbeigeführten Weltuntergang. Die Szenarien der Klimaforscher, die im Monatstakt von der Wirklichkeit bestätigt oder überholt werden, sorgen für Beunruhigung. Nimmt man die wieder gestiegene Gefahr nuklearer Kriege hinzu sowie das Risiko von bakteriellen oder viralen Pandemien in einer hypervernetzten Welt, so kann einem durchaus bange werden.

          Der Physiker Michio Kaku beginnt sein Buch mit solchen Horrorszenarien: „An irgendeinem Punkt könnten wir die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde überschreiten und uns in einem ökologischen Armageddon wiederfinden, in dem wir um die letzten verbliebenen Vorräte des Planeten konkurrieren.“ Kaku, Theoretischer Physiker an der Universität von New York City, bietet als Lösung eine säkulare Variante christlicher Eschatologie. Aus der Aufnahme der Auserwählten in das Reich Gottes beim Jüngsten Gericht wird bei ihm eine technologisch getriebene Himmelfahrt: Die Menschheit müsse die Erde verlassen, das Weltall besiedeln, solle sich ausbreiten und diversifizieren, so wie es Tierarten machten, wenn der Lauf der Evolution sie auf verschiedene Inseln verschlage.

          Kosmische Rettungsinseln

          Im Folgenden breitet der Autor ein Spektrum an technischen Möglichkeiten und Szenarien aus. Im neuen „Goldenen Zeitalter der Raumfahrt“ sieht er die Chance, im Weltraum Rohstoffe zu gewinnen, aus denen sich dann Maschinen selbst zusammenbauen. Menschliche Siedlungen auf dem Mond oder dem Mars sind für ihn quasi schon eine Selbstverständlichkeit. „Terraforming“, also die Erzeugung erdähnlicher Lebensbedingungen mit technischer Hilfe, sieht er als Gebot der Stunde, um kosmische Rettungsinseln für die Menschheit aufzubauen.

          Michio Kaku: „Abschied von der Erde“. Die Zukunft der Menschheit. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019.

          Man könne die Atmosphäre des Mars mit Methan und Wasserdampf impfen, um einen künstlichen Treibhauseffekt dort auszulösen, meint Kaku. Dafür ließe sich etwa am Titan Methan abbauen und zum Mars zu bringen oder eine Armada von Satelliten rund um den Mars installieren, die Sonnenlicht konzentriert und dafür einsetzt, die Polkappen abzuschmelzen. Sollte das nicht gelingen, käme auch noch die Idee des Tesla-Gründers Elon Musk in Frage, über den Polkappen des Mars Wasserstoffbomben zu zünden. Gelinge das, werde der ganze Planet von einem bis zu neun Meter hohen Ozean bedeckt.

          Die Marsbesiedlung ist in den Augen Kakus aber nur so etwas wie ein Ausflug in die unmittelbare Nachbarschaft. Immer gewagter werden die möglichen Fluchtrouten Kapitel um Kapitel, immer verstiegener die technischen Neuerungen, die dazu nötig wären. Von Raketen mit Atombombenantrieb, die Flugkörper auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen könnten, geht es schnurstracks zum Warp-Antrieb, der sich die Krümmung von Zeit und Raum zunutze macht. Der Autor bietet eine für ihn typische Mischung aus fundierter Naturwissenschaft, Anleihen bei meist amerikanischen Science-Fiction-Filmen und Spekulation. Das ist durchaus unterhaltsam, doch über eine einfältige Technikbegeisterung geht es letztlich nicht hinaus.

          Die Frage nämlich, was die Triebkraft dafür ist, dass wir unseren Heimatplaneten zugrunde richten – und wie wir das in den Weiten des Kosmos anders machen könnten –, wird erst gar nicht gestellt. Stattdessen wird der koloniale Geist der amerikanischen Siedler ins Endlose erweitert, nachdem auf Erden alle Grenzen erreicht sind. Solche Ideen gibt es schon lange, in der Sowjetunion waren sie ebenso populär wie im Westen.

          Erfrischender Gedanken- und Ideenreichtum

          Wirkt Kakus Buch deshalb etwas abgestanden, liest sich ein anderes manchmal geradezu wie eine Replik auf dessen Technophantasien. Die Sprache von „In welcher Welt leben? Ein Versuch über die Angst vor dem Ende“ des brasilianischen Autorenduos Deborah Danowski und Eduardo Viveiros de Castro ist zwar schwergängig. Das Buch kommt eher als akademische Studie daher denn als Versuch, ein breites Publikum zu erreichen. Doch dahinter wartet ein erfrischender Gedanken- und Ideenreichtum. Während der Technikfreak Kaku der Erde aus dem Raketenrückspiegel zuwinkt, erzählen Danowski und Viveiros de Castro ihre Geschichte vom drohenden Weltuntergang aus der Perspektive von Erdbewohnern, die auf ihrem Planeten bleiben wollen.

          Die Argumentation der Philosophin und des renommierten Anthropologen setzt dort an, wo der „humanistische Optimismus“ endet, der für die Autoren die Geschichte des Westens in den letzten drei oder vier Jahrhunderten dominiert habe. Die Geschichte sei nicht länger ein „Epos des Geistes“, sondern drohe in den Untergang einer Zivilisation zu münden, in die von Isabelle Stengers beschriebene „kommende Barbarei“, die umso brutaler ausfallen werde, je schonungsloser das dominierende techno-ökonomische System zur Flucht nach vorne forciert werde. Es wirkt wie eine Antwort auf Kaku, wenn die Autoren die ökologische Krise als „gewaltsamen Wiedereintritt der westlichen Noosphäre in die Erdatmosphäre“ beschreiben.

          Eduardo Viveiros de Castro und Deborah Danowski: „In welcher Welt leben?“ Ein Versuch über die Angst vor dem Ende. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019.

          Die erste Hälfte des Buchs bietet einen Überblick zeitgenössischer Ideen zur drohenden Selbstzerstörung der Zivilisation – von Vorstellungen, die Erde werde nach dem Verschwinden des Menschen wieder heil, bis zu Szenarien einer vollkommenen technischen Überformung der Menschheit, von nüchternen Beschreibungen einer leblosen Erde bis zu Autoren, die den Untergang geradezu leidenschaftlich herbeisehnen. Das Anthropozän, also die Idee einer vom Menschen geprägten geologischen Erdepoche, darf dabei nicht fehlen. Danowski und Viveiros de Castro gehen nüchtern und sachlich an diese Ideen heran und fällen kein vorschnelles Urteil – wie überhaupt eine tiefes Verständnis demonstrierende Analysekraft zu den Stärken ihres Buches zählt.

          Doch im zweiten Teil wird es dann doch programmatisch. Die Autoren kommen, ausgehend von den anthropologischen und ethnographischen Arbeit von Viveiros de Castro, auf indigene Vorstellungen vom Ende der Welt. Der berühmte, in esoterischen Kreisen beliebte Maya-Kalender spielt dabei nur eine Nebenrolle, und auch eine romantische Verklärung indigener Völker liegt den Autoren fern.

          Vielmehr führt das Buch in eine Welt, die bereits postapokalyptisch ist, nämlich in unsere Welt, die Welt mehr als fünfhundert Jahre nach der Eroberung Amerikas durch die Europäer, bei der Millionen Indigene getötet wurden, ob durch Waffen oder eingeschleppte Krankheiten. Bis heute wirke dieser Schock nach, und bis heute gehe die Zerstörung weiter, argumentieren die Autoren. Das geht so weit, dass etwa zeitgenössische Ideen einer Welt-Erlösung beim Volk der Mbyá-Guarini davon handelten, dass die Welt von der steinern-giftigen Schicht der Zivilisation samt ihren Verursachern gereinigt werde.

          Zugleich stellen die Autoren Denkfiguren aus der Welt der Indigenen vor, die aus ihrer Sicht für unseren ziemlich technokratischen Umweltdiskurs interessant sein sollten: In der Vorstellungswelt vieler indigener Völker Südamerikas gibt es das westliche Gegensatzpaar von Mensch versus Natur, das Humboldt vom „ewig unversöhnten Geschlecht“ sprechen ließ, überhaupt nicht. Vielmehr ist ein wiederkehrendes Thema von Schöpfungsmythen, dass es am Anfang nur Menschen gegeben habe und die Tiere und Pflanzen deren Nachfahren seien.

          Das ist biologisch natürlich falsch. Danowski und Viveiros de Castro sehen darin aber eine Empfehlung, wie ein Untergang unserer westlichen Zivilisation sich vermeiden lässt: durch Anthropomorphismus statt Anthropozentrismus. Indem wir lernten, in Tieren Subjekte zu sehen statt Objekte, könnten wir die ökologische Situation grundlegend verbessern.

          Die Autoren erweisen sich mit ihren Betrachtungen als würdige und produktive Nachfolger auf den Spuren der Apokalypsephilosophie eines Günther Anders, den sie mehrfach zitieren – mit dem Unterschied und großen Vorteil, dass sie auch Denkfiguren anbieten, die einen Ausweg aus dem Desaster bedeuten könnten.

          Eduardo Viveiros de Castro und Deborah Danowski: „In welcher Welt leben?“ Ein Versuch über die Angst vor dem Ende. Aus dem Portugiesischen von Ulrich und Clemens van Loyen. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 186 S., geb., 25,– .

          Michio Kaku: „Abschied von der Erde“. Die Zukunft der Menschheit. Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Bernd Schuh. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 480 S., geb., 25,– .

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