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Bücher zum Ende der Welt : Auswege für Post-Apokalyptiker

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Die Argumentation der Philosophin und des renommierten Anthropologen setzt dort an, wo der „humanistische Optimismus“ endet, der für die Autoren die Geschichte des Westens in den letzten drei oder vier Jahrhunderten dominiert habe. Die Geschichte sei nicht länger ein „Epos des Geistes“, sondern drohe in den Untergang einer Zivilisation zu münden, in die von Isabelle Stengers beschriebene „kommende Barbarei“, die umso brutaler ausfallen werde, je schonungsloser das dominierende techno-ökonomische System zur Flucht nach vorne forciert werde. Es wirkt wie eine Antwort auf Kaku, wenn die Autoren die ökologische Krise als „gewaltsamen Wiedereintritt der westlichen Noosphäre in die Erdatmosphäre“ beschreiben.

Eduardo Viveiros de Castro und Deborah Danowski: „In welcher Welt leben?“ Ein Versuch über die Angst vor dem Ende. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019.

Die erste Hälfte des Buchs bietet einen Überblick zeitgenössischer Ideen zur drohenden Selbstzerstörung der Zivilisation – von Vorstellungen, die Erde werde nach dem Verschwinden des Menschen wieder heil, bis zu Szenarien einer vollkommenen technischen Überformung der Menschheit, von nüchternen Beschreibungen einer leblosen Erde bis zu Autoren, die den Untergang geradezu leidenschaftlich herbeisehnen. Das Anthropozän, also die Idee einer vom Menschen geprägten geologischen Erdepoche, darf dabei nicht fehlen. Danowski und Viveiros de Castro gehen nüchtern und sachlich an diese Ideen heran und fällen kein vorschnelles Urteil – wie überhaupt eine tiefes Verständnis demonstrierende Analysekraft zu den Stärken ihres Buches zählt.

Doch im zweiten Teil wird es dann doch programmatisch. Die Autoren kommen, ausgehend von den anthropologischen und ethnographischen Arbeit von Viveiros de Castro, auf indigene Vorstellungen vom Ende der Welt. Der berühmte, in esoterischen Kreisen beliebte Maya-Kalender spielt dabei nur eine Nebenrolle, und auch eine romantische Verklärung indigener Völker liegt den Autoren fern.

Vielmehr führt das Buch in eine Welt, die bereits postapokalyptisch ist, nämlich in unsere Welt, die Welt mehr als fünfhundert Jahre nach der Eroberung Amerikas durch die Europäer, bei der Millionen Indigene getötet wurden, ob durch Waffen oder eingeschleppte Krankheiten. Bis heute wirke dieser Schock nach, und bis heute gehe die Zerstörung weiter, argumentieren die Autoren. Das geht so weit, dass etwa zeitgenössische Ideen einer Welt-Erlösung beim Volk der Mbyá-Guarini davon handelten, dass die Welt von der steinern-giftigen Schicht der Zivilisation samt ihren Verursachern gereinigt werde.

Zugleich stellen die Autoren Denkfiguren aus der Welt der Indigenen vor, die aus ihrer Sicht für unseren ziemlich technokratischen Umweltdiskurs interessant sein sollten: In der Vorstellungswelt vieler indigener Völker Südamerikas gibt es das westliche Gegensatzpaar von Mensch versus Natur, das Humboldt vom „ewig unversöhnten Geschlecht“ sprechen ließ, überhaupt nicht. Vielmehr ist ein wiederkehrendes Thema von Schöpfungsmythen, dass es am Anfang nur Menschen gegeben habe und die Tiere und Pflanzen deren Nachfahren seien.

Das ist biologisch natürlich falsch. Danowski und Viveiros de Castro sehen darin aber eine Empfehlung, wie ein Untergang unserer westlichen Zivilisation sich vermeiden lässt: durch Anthropomorphismus statt Anthropozentrismus. Indem wir lernten, in Tieren Subjekte zu sehen statt Objekte, könnten wir die ökologische Situation grundlegend verbessern.

Die Autoren erweisen sich mit ihren Betrachtungen als würdige und produktive Nachfolger auf den Spuren der Apokalypsephilosophie eines Günther Anders, den sie mehrfach zitieren – mit dem Unterschied und großen Vorteil, dass sie auch Denkfiguren anbieten, die einen Ausweg aus dem Desaster bedeuten könnten.

Eduardo Viveiros de Castro und Deborah Danowski: „In welcher Welt leben?“ Ein Versuch über die Angst vor dem Ende. Aus dem Portugiesischen von Ulrich und Clemens van Loyen. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 186 S., geb., 25,– .

Michio Kaku: „Abschied von der Erde“. Die Zukunft der Menschheit. Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Bernd Schuh. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 480 S., geb., 25,– .

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