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Edi Zollinger: Proust - Flaubert- Ovid : Wie der kleine Marcel am Spinnenfaden zog

Bild: Fink Verlag

Wenn jede Silbe heilig ist und Ovid immer schon da war: Edi Zollinger gründelt beglückt in den Texttiefen von Marcel Prousts „Recherche“.

          3 Min.

          Der moderne Heilige des Romans ist eigentlich, nach einer auf Heinrich Mann zurückgehenden hübschen Wendung, Gustave Flaubert. Seinen Rang als Patenfigur für einen Roman, dessen Realismus der Effekt eines von der Syntax über die Sprachbilder bis in die Lautmelodie hinein komponierten Texts sein soll, lässt sich ihm auch nicht streitig zu machen. Aber der zweite große Heilige in dieser Tradition ist Marcel Proust - er hat inzwischen sogar die größere Gemeinde von Interpreten, die sich seine Heiligung angelegen sein lassen. Wobei das recht wörtlich zu verstehen ist, wenn auch nicht mit Blick auf den Autor Marcel Proust, sondern auf seinen Roman: Die „Recherche“ wird so zum Text, für den gilt, was alle heiligen Texte auszeichnet, dass nämlich schlichtweg alles in ihr, bis zur letzten Silbe, von Bedeutung sein soll.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Oder gleich mit den Worten des Münchener Romanisten und Literaturwissenschaftlers Edi Zollinger: Die „Recherche“ sei ein „bis in die letzte Silbe durchkomponierter Roman“. Eine Behauptung, die man bei Zollinger kaum als Hyperbel, sondern vielmehr als Arbeitsgrundlage für Lektüren ansehen darf, die diese dichte Komposition vor Augen führen sollen. Was sich freilich nur an einigen Proben demonstrieren lässt, schon allein deshalb, weil die „Recherche“ ja eine ganze Menge Silben hat.

          Verborgene Bedeutung ist gut

          So wie bereits in seinem vor sechs Jahren erschienenen Buch über Flaubert und Victor Hugo kommen auch nun die Spinnerin Arachne und damit Ovids „Metamorphosen“ ins Spiel. Der Weg von Proust zu Ovid ist kurz. Zollinger nimmt den Faden dort auf, wo er ihn bei Proust als „fil de la vierge“ findet, als Altweibersommer-Spinnenfaden. Mit ihm vergleicht Proust die Spur, die des kleinen Marcels Lust auf den Blättern eines Johannisbeerzweigs hinterlässt, der durch das Fenster in das „petit cabinet“, vulgo Toilette, oben unterm Dach des Hauses in Combray wächst.

          Der Spinnenfaden findet sich zwar nur in einem Entwurf Prousts zu dieser Szene, aber das tut für Zollinger seinem Stellenwert keinen Abbruch. Das Besondere des heiligen Texts der Literatur ist, dass Vorstufen und Varianten mühelos in ihn integriert werden können. Sie sind sogar ganz besonders interessant, denn einem detektivischen Leser wie Zollinger zeigen sie, dass der Autor hier noch etwas aufscheinen ließ, das in der späteren Fassung getilgt, also versteckt wurde - und nichts reizt den hingebungsvollen Interpreten mehr als die verborgenen, versteckten, nur zwischen den Zeilen zu lesenden Botschaften: Bedeutungen, die „mit einer Art Zaubertinte“ in den Text eingeschrieben seien und nur in der richtigen Beleuchtung aufscheinen.

          In feiner Webart

          Und Zollinger ist durchaus ein Beleuchtungskünstler. Denn der Spinnenfaden im „petit cabinet“ ist nur der ganz bescheidene Anfang eines fein gesponnenen Netzes von Lektüren. Ovids geschickte Spinnerin liefert dafür die zentrale Metapher vom Text als Webstück, in das Autoren Referenzen auf literarische Vorlagen einweben. Wobei für Autoren von Rang und erst recht die Heiligen unter ihnen gilt: gut verdaute, fast unkenntlich gemachte, in raffinierter Weise entstellte Referenzen - wäre da nicht der auf sie lauernde Interpret, der sie zu entdecken und lesbar zu machen versteht.

          Und so geht es mit Zollinger auf eine Spurensuche nach solchen intrikaten Umschriften literarischer Vorlagen. Manches ist da in der Proust-Literatur vorgespurt, woraus Zollinger auch gar kein Geheimnis macht, aber immer weiß er seinen eigenen Fäden und Verknüpfungen zu folgen. Von der Szene in der Dachkammer gehen viele aus. Sie führen unter anderem zu Sainte-Beuves Roman „Volupté“, von dort - neben einer Abzweigung zu Alfred de Vigny, die ihrerseits Hugo, Balzac und Flaubert ins Netz bringt - zu einem Vers Anakreons, der seinerseits mit dem Namen von Marcels geliebter Großmutter zusammenhängt, während der Anfang eines verzweifelten Kreuzverhörs, dem Swann Odette unterwirft, wieder zurück auf Catull verweist, wohingegen zur Lektüre der Madeleine-Episode vorerst bis zu Ronsard zurückzugehen ist, dahinter aber auch schon wieder Ovid lauert.

          Anagrammatischer Furor

          Und immer so fort, ohne dass wir hier den Platz haben, die durchweg feine Webart dieses Lektürenetzes nachzuzeichnen. Die Frage liegt natürlich auf der Hand, wie viel an den entdeckten Raffinessen wirklich Proust und welche vielmehr dem verführten Blick des Autors auf einen bereits mit so vielen „tiefen“ Interpretationen inkrustierten Text zuzuschreiben sind. Etwa dann, um nur eine heikle Facette zu nennen, wenn er seinem anagrammatischen Furor nachgibt und fasziniert Silben hin und her schiebt, bis das Zauberwort - nicht selten „Marcel Proust“ - erscheint.

          Zollinger tendiert unübersehbar zu einem teuflisch subtilen Proust, dem wohl auch noch ein literarisch gesättigtes Unbewusstes assistiert. Plausibel kann man das unmöglich immer finden. Weshalb wir lieber hervorheben, dass man dabei jedenfalls sehr interessante Bekanntschaften macht - und das auf Parcours, die in einem charmant bündigen, spielerischen und doch ganz unverschnörkelten Duktus gehalten sind. Das macht selbst für Obsessionen geneigt.

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