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Operntheater in der DDR : Hinter Stacheldraht und Mauerwerk

  • -Aktualisiert am

„Fidelio“ in Dresden 1989, inszeniert von Christine Mielitz Bild: Erwin Döring

Was man nicht sagen darf, kann man ja vielleicht schon singen: Eckart Kröplin unternimmt einen Streifzug durch vierzig Jahre Operntheater in der DDR.

          3 Min.

          Die DDR hat vier Jahrzehnte lang einen Kulturanspruch gelebt, der nach Weltniveau strebte. Als Spätfolge der deutschen Kleinstaaterei gab es eine beispiellose Orchester- und Theaterdichte, die über Jahre hinweg kaum zwangsfusioniert oder gar abgewickelt, sondern wenn schon nicht ausgebaut, so doch nach Kräften unterstützt und alimentiert wurde. Das hintergründige Ziel war ein politisches, der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden sollte Kulturnation werden. Nach innen wurde dabei unter ästhetischem Anspruch ideologische Reglementierung betrieben, nach außen hin entwickelten sich die Künste auch als Devisenbringer.

          Letzteres mag eine sichere Bank gewesen sein, vor allem die Ost-Berliner Opernhäuser, aber auch Dessau, Leipzig und ab 1985 mit dem Wiederaufbau der Semperoper auch Dresden, waren bevorzugte Ziele für Musiktheater-Liebhaber aus dem Westen, insbesondere aus dem Westen Berlins. Die Indoktrinierung des „neuen Menschen“ von der Opernbühne herab wollte dagegen nie nicht so richtig gelingen.

          Reibungen des Systemstreits von Ost und West

          Dafür gab es bis zuletzt jede Menge Theaterdonner an den großen und kleinen Bühnen des Landes. Wie unterschiedlich motiviert dieses Bevormunden, Bremsen und Gängeln einerseits sowie das Aufblühen des Genres andererseits über die vierzig Jahre hinweg ablief, beschreibt Eckart Kröplin in seinem Kompendium „Operntheater der DDR – Zwischen neuer Ästhetik und politischen Dogmen“ gründlich. Der Musik- und Theaterwissenschaftler hat Theorie und Geschichte des Musiktheaters unterrichtet und war Ende der achtziger Jahre Chefdramaturg sowie zuletzt Stellvertreter des Intendanten an der Staatsoper Dresden. So fasst er ebenso detail- wie kenntnisreich zusammen, was er jahrelang als Mitgestalter hautnah beobachten konnte.

          Eckart Kröplin: „Operntheater in der DDR“. Zwischen neuer Ästhetik und politischen Dogmen.
          Eckart Kröplin: „Operntheater in der DDR“. Zwischen neuer Ästhetik und politischen Dogmen. : Bild: Henschel Verlag

          Das ins Auge gefasste Operntheater der DDR unterlag stets den Reibungen des Systemstreits von Ost und West. Seine verschiedenen Ausprägungen, von den frühen Nachkriegszeiten, als von Moskau her die Dogmen des Formalismus zu wahren Totschlagargumenten missbraucht worden sind, über den verheißungsvollen Aufbruch mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker bis hin zu unübersehbaren Verkrustungen in der finalen Phase des Landes, stellt Kröplin beispielhaft dar. Hinzu kam, dass oft an einem Ort erlaubt schien beziehungsweise gewagt werden konnte, was andernorts nicht durchging.

          Ein unverkennbares Wagnis

          Kröplin schreibt sowohl über die gegängelte Kunstszene als auch über das in der breiten Bevölkerung verankerte Anrecht auf ein unschlagbar preisgünstiges Erleben der Künste und nicht zuletzt über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Künstlern. Auch hier gab es mit Sängerpersönlichkeiten wie Theo Adam, Peter Schreier und vielen anderen beliebte Aushängeschilder mit allen (Reise-)Freiheiten, gab es namhafte Dirigenten wie Kurt Sanderling und Kurt Masur, gab es maßstabsetzende Regiehandschriften etwa von Walter Felsenstein, Götz Friedrich, Joachim Herz und Ruth Berghaus, gab (und gibt) es Macher wie Paul Dessau, Hanns Eisler, Heiner Müller, Siegfried Matthus und Udo Zimmermann. Das Schlagwort vom Regietheater – ins Heute transponiert beispielsweise von Peter Konwitschny – erfährt hier eine ganz plausible Ehrenrettung; denn was wäre Theater wohl ohne Regie.

          Eckart Kröplin bezieht sich auf den vielzitierten Hoffnungsschimmer Heiner Müllers, der 1970 meinte: „Was man noch nicht sagen kann, kann man vielleicht schon singen.“ Daran erinnerte erst vor zwei Jahren wieder das Deutsche Nationaltheater Weimar mit der erfolgreichen Wiederentdeckung von Paul Dessaus „Lanzelot“, dessen Uraufführung 1972 die rasche Absetzung des Werkes zur Folge hatte. Eine ähnliche Wiederentdeckung hätte wohl auch Hanns Eislers Opernfragment „Johann Faustus“ verdient, dem sich Kröplin ebenso widmet wie dem politischen Drama um „Das Verhör des Lukullus“ – beziehungsweise überarbeitet „Die Verurteilung des Lukullus“ – von Bertolt Brecht und Paul Dessau.

          Neben zu Unrecht nahezu Vergessenen wie etwa Karl Ottomar Treibmann, dessen Dostojewski-Oper „Der Idiot“ 1988 in Leipzig uraufgeführt worden ist, wird mit der im Oktober 1989 in Dresden herausgekommenen Inszenierung von Beethovens „Fidelio“ von Christine Mielitz auch ein ikonografischer Meilenstein des DDR-Musiktheaters beleuchtet. Der Gefangenenchor hinter Stacheldraht und Mauer – ein unverkennbares Wagnis, das noch heute berührt. Kröplins Buch ist materialreich und gut geschrieben. Hinzu kommen eine reiche Bebilderung und ein Anhang, der es auch wissenschaftlichem Anspruch gerecht werden lässt.

          Eckart Kröplin: „Operntheater in der DDR“. Zwischen neuer Ästhetik und politischen Dogmen. Henschel Verlag, Leipzig 2021. 358 S., Abb., geb., 28,– €.

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