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: Durch die Scheinwelt zur Wirklichkeit

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Wer wissen will, was Größe ist, muß sich dem Maler und Diplomaten, dem Künstler und Bürger Rubens zuwenden. Er hat die auseinanderstrebenden Energien seiner Existenz auf einzigartige Weise zum Ausgleich gebracht. Heute würde man sagen: ein Ausnahmekünstler, über vierhundert Jahre unangefochten von Konjunkturen und Krisen des Kunstgeschmacks.

          Wer wissen will, was Größe ist, muß sich dem Maler und Diplomaten, dem Künstler und Bürger Rubens zuwenden. Er hat die auseinanderstrebenden Energien seiner Existenz auf einzigartige Weise zum Ausgleich gebracht. Heute würde man sagen: ein Ausnahmekünstler, über vierhundert Jahre unangefochten von Konjunkturen und Krisen des Kunstgeschmacks. Nicht daß Rubens nicht auch Zeiten geringerer Wertschätzung durchgemacht hätte, immer aber wurde die Statur des Künstlers erkannt und respektiert. Seit seinen Anfängen in Italien wurden alle Phasen seines Werks geschätzt, ja enthusiastisch gefeiert. Nicht einmal die von der französischen Akademie inszenierte Spaltung der Malerei in Rubenisten, Maler der Farbe, und Poussinisten, Maler der Linie, konnte seine Kunst zu einer Parteiangelegenheit machen. Immer war er ein europäischer Künstler, der mühelos, wann immer er wollte, die Idiome der italienischen und der niederländischen Kunst verschmolz. Wie kein anderer Maler seiner Epoche kannte er die Hauptwerke seiner großen Zeitgenossen. Rubens verfügte mit seinem Werkstattbetrieb über ein Instrument, das ihm erlaubte, für alle großen europäischen Kunstzentren zu produzieren, ohne in Verlegenheit zu kommen. Nichts, was ihm mißlang.

          Wohl kein anderer Künstler des siebzehnten Jahrhunderts hat die bürgerliche Lebensform so sehr gesucht und so gut ausgefüllt wie er. Vor allem aber gibt es in der gesamten Kunstgeschichte keinen zweiten Künstler, der auf der Grundlage seiner künstlerischen wie bürgerlichen Existenz den Schritt in die Politik wagen konnte. Rubens hat seine diplomatischen Missionen von europäischer Dimension - einen Waffenstillstand zwischen den südlichen und nördlichen Niederlanden und einen Friedensschluß zwischen Madrid und London - mit Bravour durchgeführt, ohne etwas von seiner Kunst und seinen bürgerlichen Überzeugungen preiszugeben.

          Wer wissen will, was Größe ist, zu Lebzeiten und in der Nachwelt, muß Rubens studieren. Das ist das Thema, das der emerierte Hamburger Kunsthistoriker Martin Warnke in einem, gemessen an seinem uferlosen Gegenstand, schmalen Buch von höchster Konzentration behandelt. Es faßt eine lebenslange Beschäftigung mit Rubens zusammen (Warnkes Dissertation behandelte die Briefe des Malers) und mündet durchaus nicht in eine konventionelle Behandlung von "Leben und Werk", wie der Untertitel lautet. Gemeint ist damit nicht, wie seit dem neunzehnten Jahrhundert üblich, die Spiegelung des Lebens im Werk, sondern folgt, wie Warnke betont, der Einsicht, daß die Werke "Gegenentwürfe zum tatsächlichen Leben" sind und ihm mit dem Anspruch gegenübertreten, "ein eigentümliches Medium der Erkenntnis und Erfahrung zu sein". Unaufdringlich plädiert Warnke dafür, daß die Kunst des Rubens nur in einer Reflexion dieser Erkenntnisleistung verstanden werden kann.

          In Anspruch genommen wird für diese Sicht die Gestalt eines "civis", der die Staatstugenden im Bild und in der praktischen Diplomatie entwickelt, beide Bereiche getrennt und doch aufnahmefähig für die Wirkungsmittel des jeweils anderen Bereichs hält. An berühmten Gemälden von Rubens aus der Zeit seiner diplomatischen Aktivität hebt Warnke künstlerische Momente hervor, in denen der weltläufige Diplomat eine präzise Einschätzung der Wirkung seiner Bildmittel auf die politischen Adressaten unter Beweis stellt, sie aber auch seinem künstlerischen Urteil unterwirft. Sein Sinn für das Neue an der Figur des mächtigen höfischen Günstlings hat ihn für das Porträt des Herzogs von Lerma das frontale Reiterbildnis erfinden lassen, in dem sich Zudringlichkeit mit einer merkwürdigen Verhaltenheit verbindet. Im übrigen bedient sich Rubens für die höfische Welt meist einer mythologisch indirekten Aussage, die nicht in Gefahr steht, als unzuständiges Einreden in ein fremdes Metier mißverstanden zu werden.

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