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: Durch die Schallmauer der Gegenwart

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Kleine Gruppen hungernder Menschen ziehen zu einem der letzten Bauernhöfe. Mit verzweifelter Kraft drängen sie die Knechte vor den Ställen zurück, töten sie, wenn nötig, und machen sich daran, das Vieh zu schlachten. Niemand ist da, der ihnen Einhalt gebieten könnte. Auf Normannisch-Grönland geht es gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ums Überleben.

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          Kleine Gruppen hungernder Menschen ziehen zu einem der letzten Bauernhöfe. Mit verzweifelter Kraft drängen sie die Knechte vor den Ställen zurück, töten sie, wenn nötig, und machen sich daran, das Vieh zu schlachten. Niemand ist da, der ihnen Einhalt gebieten könnte. Auf Normannisch-Grönland geht es gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ums Überleben. Irgendwann ist das letzte der hundertsechzig Rinder geschlachtet. Die Sommer sind jetzt, auf dem Höhepunkt der Kleinen Eiszeit, zu kalt und zu feucht, als daß man Viehzucht treiben könnte. Der jahrhundertelange Raubbau der Wikinger hat die Erde unfruchtbar gemacht. Der Überfall der armen auf die reichen Bauern hat den Verzweifelten nur eine Gnadenfrist gewährt - es naht der Sommer, den kein Wikinger auf Normannisch-Grönland mehr erleben wird. Das Ende der Wikinger-Kultur auf Grönland erschien der Forschung vielfach rätselhaft - so rätselhaft aber will Jared Diamond, der sich in seiner Analyse auf die unterschiedlichsten Quellen von Bodenanalysen bis hin zu Aufzeichnungen von Händlern stützt, dieser Untergang nicht scheinen.

          Denn zur selben Zeit und unter denselben Bedingungen schafft es eine andere Gruppe, mit diesen widrigen Lebensumständen zurechtzukommen. Es sind die Inuit, die lange vor den Wikingern eingewandert und perfekt an die Verhältnisse angepaßt sind. Sie essen, anders als die Wikinger, die hier ein soziales und hygienisches Tabu aufbauten, Fisch, Robben und Wale, denn der karge Boden und der kurze Sommer sind für die Viehzucht denkbar ungünstig. Den Eisenmangel gleichen sie aus, indem sie mit großer Kunstfertigkeit die Knochen der Wale verwenden, um Werkzeug und Waffen herzustellen. Ihre soziale Organisation steht diesem Anpassungprozeß nicht im Weg wie bei den Wikingern, deren Anführer im Interesse ihres Machterhalts nur kurzfristige Vorteile suchen, was ihnen auf lange Sicht den sicheren Tod einbringen wird. Die Wikinger fühlen sich den Inuit überlegen, Heiraten zwischen beiden Bevölkerungen finden nicht statt, und damit ist eine große Chance zum wechselseitigen Lernen vergeben.

          Diese Geschichte vom Untergang der Wikinger auf Grönland findet sich in der neuen Abhandlung des Geographen und Evolutionsbiologen Jared Diamond, die er dem "Kollaps" und der Frage gewidmet hat, warum und woran Gesellschaften untergehen. Ende der neunziger Jahre, in der Glanzzeit der New Economy, hatte Diamond diese Frage nach den "Schicksalen menschlicher Gesellschaften" in die Begriffe von "Arm" und "Reich" gefaßt, jetzt hat er diesen Ansatz erweitert. Damit niemand im unklaren darüber gelassen werde, wie nah uns der ferne Untergang der Wikinger auf Normannisch-Grönland sei, evoziert Diamond die Bilder der Rodney-King-Unruhen in Los Angeles im Jahr 1991: Der Freispruch einiger Polizisten, die einen Schwarzen brutal mißhandelt hatten, löste in Los Angeles bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Die Unterschichten von Los Angeles suchten die Reichen heim, es kam zu Mord und Plünderung in einem Ausmaß, daß erst die Armee den Aufstand beenden konnte. Nimmt man die Naturkatastrophen vom Tsunami bis zum Hurricane über New Orleans, von den Erdbeben in Asien bis zu den Überschwemmungen in den Klimazonen Europas hinzu, dann steht das Profil der Schwierigkeiten vor Augen, die Diamond meint, wenn er vom "Untergang" redet. Wem diese Analogie zwischen dem grönländischen Gardar aus dem fünfzehnten und Los Angeles aus dem zwanzigsten Jahrhundert zu weit hergeholt scheint, den erinnert der Autor an die Tausende von Einwanderern aus den ärmsten Ländern, die versuchen, in die reichen Länder zu gelangen. Dorthin, wo sie für sich und ihre Kinder Lebenschancen sehen - und sei es am untersten sozialen Rand.

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