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: Du willst das Opfer sein, aber es liegt an dir, es nicht zu sein

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Drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg treffen sich ein junger Mann und ein junges Mädchen auf einer Abendgesellschaft in Wien. Er: ein staatenloser Jude aus der Bukowina, fünfundzwanzig Jahre alt, die Eltern von den Nazis ermordet. Sie: eine einundzwanzigjährige Studentin der Philosophie, Tochter eines Klagenfurter Lehrers, ehemaliger Offizier, früh eingetreten in die NSDAP.

          Drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg treffen sich ein junger Mann und ein junges Mädchen auf einer Abendgesellschaft in Wien. Er: ein staatenloser Jude aus der Bukowina, fünfundzwanzig Jahre alt, die Eltern von den Nazis ermordet. Sie: eine einundzwanzigjährige Studentin der Philosophie, Tochter eines Klagenfurter Lehrers, ehemaliger Offizier, früh eingetreten in die NSDAP. Sie, in Begleitung eines einflussreichen Mannes des Kulturbetriebs, er, vor kurzem aus Bukarest geflohen, auf dem Weg nach Paris. Einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte ist der Boden bereitet.

          Die "romantische Person", so das Mädchen über sich selbst, verliebt sich in den geheimnisvollen Flüchtling, und er schwärmt noch Jahre später: "Du warst, als ich dir begegnete, beides für mich: das Sinnliche und das Geistige." Doch der Mann ist auf der Durchreise, die Studentin bei der Doktorabeit, nach zwei Monaten ist die Romanze erst einmal zu Ende. Nicht so auf dem Papier. Da geht sie weiter. Mit einem Gedicht, "In Ägypten". "Für Ingeborg" schreibt Celan und schickt es ihr zum zweiundzwanzigsten Geburtstag. Zur Liebesgeschichte kommt Literaturgeschichte.

          In seiner Heimat hatte Celan Gedichte geschrieben und veröffentlicht; die Studentin Ingeborg Bachmann eine Erzählung und Gedichte. Dennoch: Die Jüngere himmelt den Älteren an, die Frau den Mann. Sie ist es, die fragt: Soll ich kommen? Wie kann ich helfen? Und sie feiert seine Gedichte. Kurz, sie macht sich zum "kleinen Fisch" für den fernen und eher etwas reserviert reagierenden Geliebten. Dann ist im März der Doktor geschafft, die jetzt vierundzwanzigjährige Bachmann fährt im Oktober nach Paris, bleibt bis Mitte Dezember, reist von dort nach London und im Februar wieder zurück zu Celan. Briefe gibt es erst wieder im Juli 1951 aus Wien, wo die junge Frau Arbeit gefunden hat, zunächst bei der amerikanischen Besatzungsbehörde, später beim Österreichischen Rundfunk. Wieder ist von Liebe und Sehnsucht die Rede, die Redakteurin möchte nun auch konkret etwas für den Geliebten, den Dichter tun: seine Gedichte populär machen, auch eine Form, Liebe zu zeigen. Ihm - und auch sich - will sie einen Platz im Literaturbetrieb erobern, den doch beide verachten. "Ich verstehe Dich, ich kann mit dir fühlen, weil ich nur bestätigt finde, was mir mein eigenes Gefühl sagt. Die Nichtigkeit der Bestrebungen . . . der Kulturbetrieb, in dem ich jetzt selbst mitspiele, all dies widerwärtige Treiben, die dummdreisten Gespräche, die Gefallsüchtigkeit, das großgeschriebene Heute - es wird mir von Tag zu Tag fremder, ich stehe mitten drin und so ist es nur noch gespenstischer, die anderen wohlig turbulieren zu sehen."

          Mitte zwanzig ist die Bachmann, als sie dies Anfang der fünfziger Jahre schreibt und - bei allen Bemühungen, auf eigenen Füßen zu stehen - noch nicht frei vom Frauenbild dieser Zeit. Fast unterwürfig bietet sie dem Geliebten ihre Fürsorge an: "Lieber Paul, ich weiß, daß Du mich nicht mehr liebst, daß Du nicht mehr daran denkst, mich zu Dir zu nehmen (welch eine Formulierung! U. H.) doch kann ich nicht anders, als noch zu hoffen, als zu arbeiten, mit der Hoffnung für ein gemeinsames Leben mit Dir einen Boden zu bereiten, der uns eine gewisse finanzielle Sicherheit bietet." Celan antwortet darauf mit dem Angebot von "Freundschaft". "Das Andere ist unrettbar verloren." Denn er ist inzwischen mit Giselle de Lestrange zuammen, Grafikerin, aus begütertem adligen Haus.

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