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: Du hast dein Leben, ich habe meins

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Verloren zwischen Berlin und New York" lautet der deutsche Untertitel von Marianne Gilberts Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Doch verloren war die Autorin nie. "Becoming an American" heißt die treffendere Unterzeile im Original. Gleich 1939, nach der Landung der Aquitania in der Neuen Welt, beschließt ...

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          Verloren zwischen Berlin und New York" lautet der deutsche Untertitel von Marianne Gilberts Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Doch verloren war die Autorin nie. "Becoming an American" heißt die treffendere Unterzeile im Original. Gleich 1939, nach der Landung der Aquitania in der Neuen Welt, beschließt die Achtjährige, im Gegensatz zu ihrem jüdischen Vater und der "arischen" Mutter so schnell wie möglich Amerikanerin zu werden. Anpassung um jeden Preis, das bedeutet unter anderem auch, die deutsche Sprache zu vernachlässigen.

          Die erste Freundin in New York ist zwar ebenfalls ein Kind von Einwanderern; mit den folgenden kann die kleine Marianne bereits mithalten. Sie trägt nun auch wie die Gleichaltrigen bei größter Kälte Kniestrümpfe und feiert, ohne aufzufallen, Feste wie Halloween. Ungern zeigt sie sich zusammen mit ihren Eltern, die noch immer so "europäisch" aussehen und kein fehlerfreies Englisch sprechen.

          "Du hast dein Leben, ich habe meins", hat die Mutter, die die Familie tapfer mit Schneiderarbeit durchbringt, die kleine Tochter rigoros zurückgewiesen. So ist das Kind viel allein; der Vater, der vergeblich versucht, seine europäische Karriere als Komponist und Texter am Broadway fortzusetzen, darf nicht gestört werden. Obwohl Robert Gilbert bei Claudio Arrau studiert hatte, wurde er nicht als Pianist erfolgreich, sondern mit Schlagern wie "Das gibt's nur einmal". Als aktiver Sozialist und Autor des "Stempellieds" unter anderem Namen war er nach 1933 doppelt bedroht.

          Von diesem Doppelleben erzählt Marianne Gilbert leider kaum etwas. Die Villa am Wannsee, die der mit Operetten reich und berühmt gewordene Großvater besessen hatte und in der der Vater in großem Luxus aufwuchs, ist für sie ebenso Legende wie die Geschichten der deutsch-jüdischen Freunde ihrer Eltern, die sich allwöchentlich zum Essen treffen und die Schreckensnachrichten aus der Heimat austauschen. Hannah Arendt und ihr Mann Heinrich Blücher gehören zu diesem Kreis.

          Das Kind wird möglichst ferngehalten von allen bedrückenden Nachrichten. Ein Onkel, nach seinen Erlebnissen im Lager befragt, antwortet kurz: "Wir haben viel Schach gespielt." Die Ereignisse in Europa, Hiobsbotschaften, aber auch Berichte von gelungener Rettung nach Südamerika, stehen kommentarlos und kurz wie Fremdkörper in der Geschichte einer Heranwachsenden. Das gesellige Beisammensein der Eltern mit Freunden endet stets damit, dass der Vater sich ans Klavier setzt und "Ein Freund, ein guter Freund", "Das muss ein Stück vom Himmel sein" und andere Schlager aus einer scheinbar sorglosen Zeit spielt. Dabei kann die Mutter endlich beweisen, dass sie vielleicht eine berühmte Sängerin geworden wäre.

          Die Stärke dieses ohne literarischen Anspruch geschriebenen Lebensberichts liegt darin, dass es Marianne Gilbert gelingt, den Alltag ihrer Familie ohne Larmoyanz, nicht selten sogar heiter zu beschreiben. Die lebenstüchtige Mutter gibt oft genug Grund für liebevollen Spott. Mühelos findet sie sich sofort in dem Netzwerk von Hilfsangeboten für Flüchtlinge zurecht, und der Wechsel von der schäbigen engen Wohnung mitten im Vergnügungsviertel Manhattans zu einer weniger heruntergekommenen in Riverdale ist allein ihr zu verdanken. Die Mutter, keineswegs in einer harmonischen Ehe mit dem treulosen Vater lebend, hat auch zu ihrem einzigen Kind ein eher gespanntes Verhältnis. Aber sie macht die Tochter vertraut mit Musik und Kunst, näht ihr schöne Kleider und erduldet ihre Launen, wenn sie nicht ebenso temperamentvoll und lautstark auf deren Ausbrüche reagiert. Die Mutter, die die Tochter immer als eine etwas aufgetakelte, aber gepflegte Frau beschreibt, vermittelt ihr auch Kontakte zu Künstlern und Farmern in Woodstock. Hier findet die fünfzehnjährige Marianne ihre erste große Liebe und eine Familie holländischen Ursprungs, die sie mit großer Zuneigung aufnimmt; hier entwickelt sie zum ersten Mal "das Gefühl, so etwas wie eine Heimatstadt zu haben". Ein Drittel dieser Erinnerungen ist diesem Lebensabschnitt gewidmet. Er endet zwei Jahre später tragisch mit der schweren Erkrankung und schließlich dem Tod des Geliebten. Ein Schatten ist auf die Siebzehnjährige gefallen, und nur mit großer Anstrengung setzt sie ihr Studium fort.

          Als die Eltern 1949 beschließen, beunruhigt vom wachsenden Antisemitismus und auf der Jagd auf Kommunisten in den Vereinigten Staaten, nach Europa zurückzukehren, bleibt Marianne zurück: "Ich dachte, sprach, träumte, las auf Englisch. Hier war ich aufgewachsen, hier wollte ich bleiben." Und Robert Gilbert hatte in Europa endlich wieder Erfolg mit Übersetzungen amerikanischer Musicals wie "My Fair Lady" und "Annie Get Your Gun".

          MARIA FRISÉ

          Marianne Gilbert Finnegan: "Das gab's nur einmal". Verloren zwischen Berlin und New York.

          Aus dem Amerikanischen übersetzt von Renate Orth-Guttmann. Diogenes Verlag, Zürich 2007. 304 S., geb., 22,90 [Euro].

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