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: Drei Kilo Wissen mit sich tragen

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Ein großformatiger Band, der drei Kilo auf die Waage bringt. Dreißig Mitarbeiter, größtenteils ordentliche Professoren, haben sich zusammengetan, um die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft einem breiteren Publikum vorzulegen. Zum Vorbild genommen haben sich die Herausgeber die neuere Wissenschaftsgeschichte, ...

          Ein großformatiger Band, der drei Kilo auf die Waage bringt. Dreißig Mitarbeiter, größtenteils ordentliche Professoren, haben sich zusammengetan, um die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft einem breiteren Publikum vorzulegen. Zum Vorbild genommen haben sich die Herausgeber die neuere Wissenschaftsgeschichte, die nicht mehr biographisch vorgeht oder die Entstehung einzelner Disziplinen nachzeichnet, sondern die kulturellen Rahmenbedingungen der Entstehung und Durchsetzung von Wissen untersucht. Gegenstand ist das Wissen der frühen Neuzeit bis hinein in die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.

          Die Zeit zwischen 1450 bis 1580: "Aufbruch in der Renaissance" erlebt das Aufblühen des Humanismus und der Emanzipation der Wissenschaften aus dem Schoß der Kirche. Die Phasen 1580 bis 1660: "Wissenschaftliche Revolution und neues Wissen" und 1660 bis 1730: "Repräsentation und Ordnung des neuen Wissens" bilden ein Kernstück des Bandes. Die Gelehrten spielen eine Rolle in den bürokratisch-staatlichen Strukturen der stärker zentralisierten Staaten und schließen sich in Akademien zusammen, die international kooperieren. Der Abschnitt über die Aufklärung 1730 bis 1780: "Wissenschaft, praktische Aufklärung, Popularisierung" zeichnet die Ausbreitung des gelehrten Wissens durch die Gesellschaft nach, und schließlich zeigt eine fünfte Stufe "Wissenschaft im Revolutionszeitalter" von 1780 bis 1820, wie das Wissen in der aufkommenden industriellen Gesellschaft verwertet wird. Insofern ist die einleitende Gegenüberstellung von "Industriegesellschaft" und "Wissensgesellschaft" etwas irreführend und wird von den Ergebnissen selbst widerlegt. Die europäische Industriegesellschaft basierte von Anfang an auf Wissen; nur hat sich heute der Anteil des wissenschaftlichen Wissens gegenüber den von Arbeitern und Ingenieuren beherrschten Praktiken der Produktion dramatisch gesteigert.

          Überblickt man diesen Aufriß, so bietet er einen Beleg für die These des alten Zweibänders des französischen Kulturhistorikers Paul Hazard. Der hatte die "Krise des europäischen Geistes" - also die Heroenzeit des Umbruchs - zwischen 1680 und 1715 angesetzt und die nachfolgende "Herrschaft der Vernunft" in der Aufklärung eher als die Popularisierung des Durchbruchs zum neuen Wissen seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts verortet. Auch Theodore K. Rabbs Essay "The Struggle for Stability in Early Modern Europe" verweist auf eine ähnliche Epochengliederung, setzt die "Stabilisierung" aber zu Recht früher an. Sein Band von 1975 lehrte uns das Staunen: "The quick and decisive triumph of this handful of scientists is one of the most amazing episodes in European history." Hier hätte ein Rückblick auf die Geschichte der Wissenschaftsgeschichte als Kulturgeschichte die theoretischen Linien genauer nachzeichnen können - von den theoretischen Ansätzen bei Ludwik Fleck und Thomas S. Kuhn einmal ganz abgesehen.

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